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Junger rothaariger Mann mit geschlossenen Augen, Hand an der Stirn, umgeben von kreisenden Ringen
Symptome

Vestibuläre Migräne: Wenn Schwindel das Hauptsymptom ist

Von Laurine Nicoletti8 min

Du stehst auf, und der Boden scheint kurz zu schwanken. Oder du sitzt im Bus, und alles um dich herum dreht sich, ohne dass du irgendwo Kopfschmerzen hast. Manchmal kommt dazu, dass Licht oder Lärm plötzlich unerträglich sind. Wenn du ohnehin Migräne kennst, kann dahinter eine vestibuläre Migräne stecken: eine Form, bei der nicht der Kopfschmerz, sondern der Schwindel im Mittelpunkt steht.

In diesem Artikel erfährst du, wie sich vestibuläre Migräne anfühlt, ob sie ohne Kopfschmerzen auftreten kann, wie lange eine Episode dauern kann und wie Ärztinnen und Ärzte sie von anderen Schwindelursachen unterscheiden. Sie ist eine von vielen Erscheinungsformen der Migräne, mehr dazu findest du in unserer Übersicht Migräne-Symptome.

Kurz gesagt

  • Bei der vestibulären Migräne ist wiederkehrender Schwindel (Drehen, Schwanken, Unsicherheit) das Hauptsymptom, Kopfschmerzen können dabei fehlen.
  • Die Dauer einer Episode schwankt stark von Person zu Person.
  • Die Diagnose stellt eine Ärztin oder ein Arzt aus deiner Vorgeschichte und nach Ausschluss anderer Ursachen, einen einfachen Test gibt es nicht.
  • Plötzlicher Schwindel zusammen mit Lähmung, Sprach- oder Sehstörungen ist ein Notfall: Dann zählt der Notruf 112.

Was ist vestibuläre Migräne?

Die vestibuläre Migräne ist eine Migräneform, bei der wiederkehrende Schwindelattacken im Vordergrund stehen. Der Begriff "vestibulär" bezieht sich auf das Gleichgewichtssystem (Vestibularsystem), das Innenohr und Gehirn gemeinsam steuern. Weitere Begriffe rund um Migräne erklärt unser Migräne-Glossar.

Laut Apotheken Umschau erkranken die meisten Menschen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr, und Frauen sind mehr als dreimal so häufig betroffen wie Männer. Für die Lebenszeit-Häufigkeit werden in der Fachliteratur je nach Studie Werte von 1 bis 2,7 Prozent genannt. Nach dem gutartigen Lagerungsschwindel gilt sie als eine der häufigsten Ursachen für Schwindel, der in Attacken kommt.

Wie genau es dazu kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass dieselben Vorgänge im Gehirn eine Rolle spielen wie bei anderen Migräneformen. Was dabei passiert, beschreibt unser Artikel zu den Ursachen der Migräne im Gehirn.

Wie fühlt sich ein Schwindelanfall bei Migräne an?

Vestibuläre Migräne zeigt sich meist als Dreh- oder Schwankschwindel, oft mit Übelkeit und Unsicherheit beim Gehen.

Typisch sind außerdem:

  • Übelkeit und Erbrechen (mehr dazu in Migräne und Übelkeit)
  • Gangunsicherheit, als würdest du auf einem Boot stehen
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie manchmal Geruchsempfindlichkeit
  • Ohrdruck, Tinnitus oder leicht gedämpftes Hören während der Episode
  • Oszillopsien: Die Umgebung scheint zu wackeln oder zu springen

Das sieht von Person zu Person anders aus, das Bild ist sehr vielfältig.

Manche Menschen spüren vor allem ein diffuses Schwanken, andere erleben ein deutliches Drehgefühl. Auch die Begleitsymptome sind nicht bei jeder Episode gleich: Heute steht vielleicht die Übelkeit im Vordergrund, beim nächsten Mal eher die Lichtempfindlichkeit.

Das macht es schwer, die Beschwerden selbst einzuordnen. Es hilft, wenn du in eigenen Worten festhältst, was du genau spürst, zum Beispiel "Boden schwankt" oder "Raum dreht sich". Diese Beschreibung ist für das Gespräch in der Praxis später wertvoll.

Kann man vestibuläre Migräne ohne Kopfschmerzen haben?

Ja, Kopfschmerzen können bei vestibulärer Migräne zusätzlich vorhanden sein, fehlen aber oft ganz. Das bestätigt die Apotheken Umschau: Bei dieser Form ist nicht der Kopfschmerz, sondern der Schwindel das Hauptsymptom.

Ähnlich kennst du es vielleicht von der Aura ohne Schmerz. Wie das aussehen kann, liest du in Stille Migräne: Wenn die Aura ohne Kopfschmerzen kommt und in Migräne mit Aura.

Wie lange dauert eine Episode?

Die Dauer einer Episode schwankt stark von Person zu Person. Wie lange deine Attacken typischerweise dauern, kann deine Ärztin oder dein Arzt anhand deiner Beschreibung einordnen. Hilfreich ist es, die Dauer jeder Episode zu notieren.

Wie sich Phasen einer klassischen Migräneattacke über die Zeit verteilen, erklärt Wie lange dauert eine Migräne?.

Gerade weil es keine feste Regel gibt, lohnt sich ein genauer Blick auf deine eigenen Episoden. Notiere Beginn und Ende, und halte auch fest, ob der Schwindel abrupt oder langsam nachlässt und ob danach noch eine Erschöpfung bleibt.

Nach einigen Wochen zeigt sich oft, ob deine Episoden eher ähnlich verlaufen oder stark variieren. Dieses Bild kannst du deiner Ärztin oder deinem Arzt zeigen, damit sie oder er die Beschwerden besser einordnen kann.

Wie unterscheidest du sie von anderen Schwindelursachen?

Schwindel hat viele mögliche Ursachen, und nur eine Ärztin oder ein Arzt kann klären, welche bei dir zutrifft. Hilfreich ist es, die häufigsten Verwechslungen zu kennen.

Gutartiger Lagerungsschwindel

Er ist die andere häufige Ursache für Schwindel in Attacken. Er tritt typischerweise bei bestimmten Kopfpositionen auf, etwa beim Umdrehen im Bett, und hört meist nach kurzer Zeit wieder auf. Migräneartige Begleitsymptome gehören nicht dazu.

Morbus Menière

Beide Erkrankungen verursachen anfallsartigen Schwindel. Der wichtigste Unterschied liegt laut Rosenfluh im Gehör: Bei vestibulärer Migräne bleibt das Hören meist erhalten oder ist nur vorübergehend leicht beeinträchtigt. Beim Morbus Menière, dem ein Flüssigkeitsstau im Innenohr zugrunde liegt, nimmt das Hörvermögen dagegen typischerweise im Verlauf ab.

Schlaganfall und andere Notfälle

Plötzlicher Schwindel kann selten auch ein Warnzeichen für einen Schlaganfall sein. Typische Anzeichen sind laut gesundheitsinformation.de ein hängender Mundwinkel, ein gelähmter Arm oder Bein, undeutliche Sprache, Doppelbilder oder Sehstörungen und plötzliche, sehr starke Kopfschmerzen. Dann ruf sofort die 112. Wie du Notfälle bei Kopfschmerzen einschätzt, steht auch in Kopfschmerzen: Wann zum Notarzt?.

Wie läuft die Diagnose ab?

Die Diagnose der vestibulären Migräne stützt sich auf dein Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt und auf den Ausschluss anderer Ursachen. Laut Fachübersicht kann sie durch eine eingehende Anamnese gestellt werden, wenn der Zusammenhang zwischen Schwindel und Migräne deutlich ist. Gefragt wird zum Beispiel nach früheren Migräneattacken, Dauer, Auslösern und Begleitsymptomen.

Je nach Befund folgen Untersuchungen. Dazu kann zum Beispiel eine Videonystagmografie gehören, bei der über deine Augenbewegungen die Funktion des Gleichgewichtsorgans gemessen wird, wie die Apotheken Umschau beschreibt. Auch Hörtests oder eine Bildgebung können sinnvoll sein, um andere Ursachen auszuschließen.

Wen du dafür ansprichst, liest du in Migräne: Welcher Arzt ist zuständig?. Häufig sind Hausarztpraxis, Neurologie oder HNO-Heilkunde die ersten Stationen. Weil die Erkrankung oft übersehen wird, lohnt es sich, deine Beschreibung gut vorzubereiten.

Was kannst du tun, um Episoden besser einzuordnen?

Du kannst vor allem deine Episoden und möglichen Auslöser aufschreiben und die Behandlung gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt planen. Das Gute daran: Die Auslöser ähneln denen der klassischen Migräne. Laut apotheken.de gehören Schlafmangel, Stress, Ernährung, Hormonschwankungen und Wetterumschwünge dazu. Das muss bei dir nicht alles zutreffen, jede Person reagiert anders.

Diese Dinge helfen dir beim Einordnen:

  • Notiere jede Episode: Datum, Dauer, Art des Schwindels (Drehen, Schwanken, Unsicherheit), Begleitsymptome wie Übelkeit oder Lichtempfindlichkeit.
  • Halte Rahmenbedingungen fest: Schlaf, Stress, Mahlzeiten, Zyklustag, Wetter. Tipps dazu gibt dir Migränekalender: Was du notieren solltest.
  • Suche Muster: Wie du deine Trigger Schritt für Schritt findest, erklärt Migräne Auslöser erkennen. Zu Wetter und Druck liest du mehr in Luftdruck und Migräne.
  • Bring die Notizen mit zum Termin: Sie machen die Diagnose oft leichter.

Zur Vorbeugung werden in der Praxis Medikamente eingesetzt, die auch bei Migräne gebräuchlich sind. Die Datenlage ist allerdings dünn: Eine Cochrane-Übersichtsarbeit fand nur drei Studien mit insgesamt 209 Personen, und die Gewissheit der Evidenz war niedrig oder sehr niedrig. Ob und was für dich infrage kommt, entscheidest du gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Eine Heilung versprechen weder Medikamente noch Tagebücher, aber ein klareres Bild hilft oft schon.

Wann solltest du zum Arzt, wann ist es ein Notfall?

Lass wiederkehrenden Schwindel immer ärztlich abklären, auch wenn er wieder verschwindet. Das gilt besonders, wenn er neu ist, häufiger wird, dich im Alltag einschränkt oder du Hörveränderungen bemerkst.

Ein Notfall liegt vor, wenn zum plötzlichen Schwindel Anzeichen wie Lähmungen, Sprachstörungen, Seh- oder Doppelbilder, ein hängender Mundwinkel oder ein plötzlicher, extrem starker Kopfschmerz kommen. Ruf dann sofort die 112 (so rät es gesundheitsinformation.de). Bei Unsicherheit ist ein Anruf immer besser als Abwarten.

Wenn Schwindel länger anhält, deine Attacken sich verändern oder mehrere Tage dauern, hilft auch Migräne dauert mehrere Tage bei der Einordnung.

Was du dir merken kannst

  • Vestibuläre Migräne ist eine Form der Migräne, bei der Schwindel und Unsicherheit im Vordergrund stehen, auch ohne Kopfschmerzen.
  • Die Dauer einer Episode ist von Person zu Person sehr unterschiedlich.
  • Verwechslungen sind häufig, etwa mit Lagerungsschwindel oder Morbus Menière: Die Abklärung gehört in ärztliche Hände.
  • Ein Verlaufsprotokoll zeigt dir Muster und erleichtert das Arztgespräch.
  • Bei plötzlichem Schwindel mit Lähmung, Sprach- oder Sehstörungen: 112 anrufen.

Einen Überblick über weitere Formen findest du in Migräne Arten: Die Formen im Überblick.

Häufige Fragen

Ist vestibuläre Migräne gefährlich?

Die vestibuläre Migräne selbst gilt nicht als gefährlich, sie kann aber den Alltag deutlich belasten. Wichtig ist, andere Ursachen von Schwindel ärztlich auszuschließen, denn manche davon brauchen eine schnelle Behandlung.

Kann Schwindel das einzige Zeichen von Migräne sein?

Ja, das ist möglich. Laut Apotheken Umschau fehlen Kopfschmerzen bei der vestibulären Migräne oft ganz, deshalb wird sie leicht übersehen. Meist begleiten aber andere Migränezeichen wie Licht- oder Geräuschempfindlichkeit zumindest einen Teil der Attacken.

Gibt es vestibuläre Migräne auch bei Kindern?

Ja. Das Schwindelzentrum des LMU Klinikums nennt migräneassoziierte Schwindelformen als einen großen Teil der Schwindeldiagnosen im Kindesalter. Bei Kindern gehört die Abklärung in kinderärztliche oder neuropädiatrische Hände, mehr zum Thema findest du in Migräne bei Kindern und Jugendlichen.

Kann Stress eine Schwindelattacke bei Migräne auslösen?

Stress gilt als möglicher Auslöser, wie bei anderen Migräneformen auch. Ob er bei dir eine Rolle spielt, siehst du am besten in deinen Aufzeichnungen, mehr dazu in Stress und Migräne.

Quellen

Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel

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