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Frau mit geschlossenen Augen, die Hand an der Schläfe, neben einem leuchtenden Gehirn
Grundlagen

Migräne Ursachen: Was in deinem Gehirn wirklich passiert

Von Laurine Nicoletti9 min

Du hast Migräne und fragst dich vielleicht schon lange: Warum ich? Warum kommt der Schmerz mal nach einer stressigen Woche, mal scheinbar aus dem Nichts? Und warum hat deine Kollegin nach derselben Nacht einfach nur Kopfweh, während bei dir der ganze Tag verloren ist?

Kurz vorweg: Die Migräne Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Wissenschaftlich gut belegt ist aber, dass bei Migräne das Nervensystem empfindlicher reagiert und dass eine erbliche Veranlagung eine große Rolle spielt. In diesem Artikel erklären wir dir Schritt für Schritt, was nach heutigem Wissen in deinem Gehirn passiert. Einen größeren Überblick über das Thema findest du in unserem Hauptartikel Alles über Migräne.

Kurz gesagt

  • Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns mit erblicher Veranlagung, keine Frage der Willenskraft und keine „Einbildung".
  • Bei einer Attacke werden Nervenzellen im Hirnstamm aktiv und der Trigeminusnerv sowie Botenstoffe wie CGRP sorgen dafür, dass der Schmerz in der Hirnhaut entsteht.
  • Auslöser wie Stress, Schlafmangel oder Hormonschwankungen sind nicht die Ursache, sondern können bei entsprechender Veranlagung eine Attacke anstoßen.
  • Offen ist unter anderem, warum genau eine Attacke an einem bestimmten Tag beginnt und welche Gene im Einzelfall beteiligt sind.

Migräne Ursachen: Ein Gehirn, das empfindlicher reagiert

Die Grundidee der heutigen Forschung lautet: Bei Migräne reagiert das Nervensystem schneller und stärker auf Reize als bei Menschen ohne Migräne. Nach Angaben der Fachgesellschaften ist Migräne eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und der Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht.

Viele Fachleute gehen davon aus, dass Migräne bei Menschen vorkommt, deren Nervensystem ungewöhnlich empfindlich auf bestimmte Reize reagiert und deren Nervenzellen im Gehirn leicht zu stimulieren sind. Stell dir das wie eine Alarmanlage vor, die bei dir etwas empfindlicher eingestellt ist: Sie springt schon bei Dingen an, die bei anderen nichts auslösen.

Das heißt nicht, dass mit deinem Gehirn etwas „kaputt" ist. Die Untersuchungen zeigen eher, dass es zwischen den Attacken anders arbeitet und zu bestimmten Zeiten besonders leicht aus dem Gleichgewicht gerät. Wichtig für dich: Das ist keine Charakterschwäche und hat nichts damit zu tun, dass du „zu empfindlich" bist.

Der Trigeminusnerv und CGRP: Wie der Schmerz entsteht

Der Schmerz einer Migräneattacke entsteht nicht im Gehirngewebe selbst (das Gehirn kann keinen Schmerz fühlen), sondern an den Hirnhäuten und ihren Blutgefäßen, die vom Trigeminusnerv versorgt werden. Dieser Nerv ist für die Wahrnehmung von Schmerzen im Gesicht, am vorderen Kopf und an den Hirnhäuten zuständig.

So stellt man sich den Ablauf nach heutigem Stand vor:

  1. Eine Fehlregulation im Hirnstamm und Mittelhirn löst die Attacke aus. Diese Hirnregionen aktivieren während eines Anfalls Äste des Trigeminusnervs.
  2. Der Nerv schüttet Botenstoffe aus, darunter CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide). Sie verändern die Spannung der Blutgefäße und führen zu einer neurogenen Entzündung der Hirnhaut.
  3. Die schmerzleitenden Nervenfasern werden empfindlicher. Der Kopf pocht, und Licht, Geräusche oder Gerüche werden schwer erträglich.

Auch wenn man von „Entzündung" spricht: Gemeint ist keine Entzündung wie bei einer Infektion, sondern ein Reizzustand, den Nerven selbst anstoßen. Bei der Migräne reagiert man in der Attacke überempfindlicher gegenüber Reizen, weil schmerzregulierende Systeme vorübergehend nicht richtig arbeiten.

Warum CGRP so wichtig geworden ist

Weil CGRP in diesem Geschehen eine zentrale Rolle spielt, haben Forschende Medikamente entwickelt, die dort ansetzen. Dazu gehören Antikörper, die CGRP oder seinen Rezeptor blockieren und zur Vorbeugung der Migräne eingesetzt werden. Wie sie funktionieren und für wen sie infrage kommen, erklären wir in unserem Artikel zu CGRP-Antikörpern bei Migräne. Ob so eine Behandlung für dich passt, klärst du am besten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Was passiert im Gehirn bei der Aura?

Bei einer Aura zieht eine Welle von Nervenaktivität über die Hirnrinde und legt sie danach kurz still, deshalb entstehen vorübergehende Ausfälle wie Flimmern oder Kribbeln. Die Fachwelt nennt das „kortikale Ausbreitungsdepression". Beschrieben wird es als starke Erregungswelle, die wie ein Tsunami über die Hirnrinde zieht, gefolgt von großer Stille.

Je nachdem, welche Bereiche der Rinde betroffen sind, zeigen sich unterschiedliche Symptome. Manche Menschen sehen flimmernde Zickzack-Linien, die sich langsam über das Gesichtsfeld ausbreiten, andere spüren Schwäche, Taubheit oder Kribbeln im Gesicht oder in einer Hand.

Nicht jede Migräne hat eine Aura. Wie sie sich anfühlt und woran du sie erkennst, liest du in Migräne mit Aura. Falls du eher Flimmern vor den Augen ohne Kopfschmerz kennst, hilft dir Augenmigräne weiter.

Ist Migräne erblich?

Ja, die Veranlagung für Migräne wird vererbt, aber nicht in Form eines einzelnen „Migräne-Gens". Zwillingsstudien zeigen, dass Gene und andere innere und äußere Faktoren zusammenwirken müssen, damit Migräne entsteht. Erbe und Umwelt haben dabei ungefähr gleich starken Einfluss.

Nur bei einer seltenen Sonderform, der familiären hemiplegischen Migräne, sind einzelne ursächliche Gene bekannt. Bei der häufigen Migräne dürften viele Gene mit jeweils kleinem Anteil mitspielen.

Wenn deine Mutter oder Tante Migräne hat, ist das also ein Hinweis auf eine Veranlagung, aber keine Garantie. Mehr dazu, auch was das für deine Kinder bedeuten kann, findest du in Migräne erblich?.

Und warum sind Frauen häufiger betroffen?

Die Zahlen zeigen, dass Frauen etwa dreimal so häufig Migräne haben wie Männer, wie wir in der Migräne-Statistik zusammengefasst haben. Hormone scheinen dabei eine Rolle zu spielen: Schwankende Östrogenspiegel können Anfälle auslösen, was sich zum Beispiel in der Pubertät oder rund um die Periode zeigen kann. Wie das genau zusammenhängt, steht in Migräne und Periode.

Auslöser sind nicht die Ursache

Stress, Schlafmangel, Wetterwechsel oder bestimmte Lebensmittel können eine Attacke anstoßen, aber sie sind nicht der Grund, warum du Migräne hast. Bestimmte innere und äußere Faktoren können eine Migräne begünstigen („triggern"), sind aber nicht ursächlich dafür verantwortlich. Bei Menschen ohne diese Veranlagung bleiben sie meist folgenlos.

Ein Bild, das viele hilfreich finden: Die Veranlagung füllt ein Glas, die Auslöser lassen es überlaufen. Das erklärt auch, warum dasselbe Glas Rotwein an einem Tag nichts bewirkt und an einem anderen eine Attacke. Oft kommen mehrere Faktoren zusammen, und die Reizschwelle verändert sich von Tag zu Tag.

Zu den häufig genannten Auslösern zählen laut Neurologen Schlafmangel, Stress, Ernährung, Hormonschwankungen und Wetterumschwünge. Wie du deine persönlichen Muster findest, erfährst du in Migräne Auslöser erkennen.

Die Vorphase: Dein Gehirn macht sich schon früher bemerkbar

Manche Menschen merken Stunden oder sogar Tage vor dem Kopfschmerz, dass etwas im Anmarsch ist. Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen kündigt sich die Attacke durch Vorboten wie Heißhunger, Gähnen, Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen an.

Das ist ein Grund, warum Auslöser manchmal schwer zu erkennen sind. Was wie ein Auslöser aussieht (zum Beispiel Heißhunger auf Schokolade), kann schon ein Zeichen sein, dass die Attacke im Gehirn begonnen hat. Auch das Thema Ernährung ist deshalb nicht so eindeutig, wie es oft klingt, mehr dazu in Migräne Ernährung.

Was die Wissenschaft noch nicht weiß

Obwohl in den letzten Jahrzehnten viel entdeckt wurde, gilt: Die Entstehung der Migräne ist komplex und bislang nicht vollständig aufgeklärt. Ehrlich gesagt gibt es noch einige offene Fragen:

  • Wo und warum beginnt die Attacke? Es gibt Hinweise, dass sich die Hirnaktivität schon vor dem Schmerz verändert. Neurologen berichten, dass die Aktivität im trigeminalen Schmerzzentrum zunimmt, je näher die nächste Attacke rückt. Was den Anfang genau anstößt, ist aber nicht abschließend geklärt.
  • Welche Gene sind beteiligt? Bei der häufigen Migräne ist die genetische Grundlage nicht auf ein einzelnes Gen zurückzuführen, und warum bei dir die Veranlagung stärker ausgeprägt ist als bei Geschwistern, lässt sich im Einzelfall nicht sagen.
  • Warum wirken Medikamente so unterschiedlich? Warum Triptane bei der einen sehr gut und bei der anderen kaum helfen, lässt sich bisher nicht sicher vorhersagen. Mehr zu den Mitteln findest du in Triptane bei Migräne.
  • Warum gerade heute? Dass ein Auslöser an einem Tag wirkt und am nächsten nicht, ist nicht gut vorhersagbar.

Diese Unsicherheit kann frustrieren. Sie heißt aber nicht, dass Migräne nicht ernst genommen wird: Sie ist ein gut beschriebenes neurologisches Krankheitsbild, auch wenn einzelne Details noch erforscht werden.

Was bedeutet das für deinen Alltag?

Wenn Migräne vor allem eine Frage der Veranlagung und der Reizschwelle ist, hilft es vor allem, Reize und Schwankungen im Alltag besser zu verstehen. Heilen kann man die Veranlagung nicht, aber man kann lernen, mit ihr zu leben.

Drei Dinge können dabei konkret helfen:

  • Muster erkennen: Ein Kalender mit Datum, Dauer, Stärke und Begleitumständen zeigt dir über Wochen, ob sich etwas wiederholt. Was du notieren solltest, steht in Migränekalender: Was du notieren solltest.
  • Fachbegriffe einordnen: Wenn dir Wörter wie Prodromalphase oder Trigeminus begegnen, hilft dir das Migräne Glossar.
  • Behandlung ärztlich besprechen: Welche Akutmittel oder Vorbeugung für dich sinnvoll sind, hängt von deiner Situation ab. Das entscheidest du gemeinsam mit deiner Hausärztin, deinem Neurologen oder einer Kopfschmerzambulanz.

Wichtig ist auch: Wenn sich deine Kopfschmerzen plötzlich anders anfühlen, ungewöhnlich heftig sind oder neue Ausfälle auftreten, lass das ärztlich abklären. Orientierung gibt dir Kopfschmerzen: Wann zum Notarzt.

Häufige Fragen

Was ist die Hauptursache von Migräne?

Es gibt nicht die eine Ursache. Nach heutigem Stand liegt eine erbliche Veranlagung zugrunde, die dazu führt, dass das Nervensystem Reize empfindlicher verarbeitet. Bei einer Attacke werden dann Hirnstamm und Trigeminusnerv aktiv, und Botenstoffe wie CGRP lösen den Schmerz aus.

Ist Migräne psychisch bedingt?

Nein. Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Erkrankung des Gehirns. Stress kann Attacken anstoßen, ist aber nicht der Grund, warum sie überhaupt entstehen.

Sind Migräneattacken gefährlich für das Gehirn?

Eine Migräneattacke ist sehr unangenehm, schädigt das Gehirn nach heutigem Wissen aber nicht von sich aus. Wenn Symptome neu auftreten, ungewöhnlich lange anhalten oder sich verändern, sollte das ärztlich abgeklärt werden, auch um andere Ursachen auszuschließen.

Kann ich Migräne bekommen, wenn niemand in meiner Familie sie hat?

Ja, das ist möglich. Die Veranlagung entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Gene und äußerer Faktoren, deshalb müssen nicht immer erkennbare Fälle in der Familie vorkommen. Ob bei dir tatsächlich Migräne vorliegt, kann nur eine Ärztin oder ein Arzt feststellen.

Quellen

Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel

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