
Migräne erblich? Was die Studien sagen und was das für deine Kinder bedeutet
Deine Mutter kennt dieses Pochen hinter dem Auge, deine Tante legt sich bei Licht und Lärm in ein dunkles Zimmer, und du selbst hast seit der Schulzeit Migräne. Irgendwann kommt die Frage: Ist Migräne erblich, und gebe ich sie an meine Kinder weiter? Vielleicht ist sie auch ganz konkret, weil du schwanger bist, einen Kinderwunsch hast oder dein Kind zum ersten Mal über Kopfschmerzen klagt.
Die kurze Antwort: Ja, Migräne hat eine erbliche Komponente. Aber sie ist keine Krankheit, die einfach von einem Gen abhängt, und ein Kind einer Migränebetroffenen bekommt nicht automatisch ebenfalls Migräne. In diesem Artikel schauen wir gemeinsam an, was die Studien tatsächlich zeigen, was noch unklar ist und was du mit dieser Information anfangen kannst. Einen Überblick über das ganze Thema findest du auf unserer Seite Migräne-Diagnose.
Kurz gesagt
- Migräne hat eine erbliche Komponente: Laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) haben Erbe und Umwelt in etwa einen gleich starken Einfluss.
- Es gibt nicht das eine Migräne-Gen, denn bei der häufigen Migräne tragen viele kleine Genvarianten zum Risiko bei.
- Die familiäre hemiplegische Migräne ist eine seltene Sonderform mit klarer Vererbung, die nur einen winzigen Teil der Betroffenen betrifft.
- Ob ein Kind von Eltern mit Migräne ebenfalls Migräne bekommt, lässt sich nicht vorhersagen: Ein höheres Risiko ist kein Schicksal.
Migräne erblich: Was sagen die Studien?
Die deutschen Fachgesellschaften sind sich hier einig: Für Migräne besteht eine erbliche Veranlagung. Die Neurologen und Psychiater im Netz beschreiben Migräne als neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Oft sind auch andere nahe Verwandte betroffen.
Das passt zu dem, was viele Betroffene aus ihrem Alltag kennen. Laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) berichten etwa zwei Drittel der Menschen mit Migräne von erkrankten Verwandten. Das MSD Manual schreibt ähnlich, dass über die Hälfte der Betroffenen enge Verwandte mit Migräne hat.
Wie groß ist der Anteil der Gene? Fachleute sprechen hier von Heritabilität. Der Begriff klingt technisch, bedeutet aber nur: Er beschreibt, welcher Anteil der Unterschiede, ob jemand in einer Bevölkerung Migräne entwickelt, sich auf Erbanlagen zurückführen lässt. Der Rest hängt von anderen Faktoren ab.
Dazu passt die Aussage der DMKG, dass Erbe und Umwelt in etwa einen gleich starken Einfluss haben. Wichtig: Heritabilität ist ein Wert für eine ganze Gruppe von Menschen. Sie sagt dir nicht, wie hoch dein persönliches Risiko oder das deiner Kinder ist.
Warum es nicht „das eine Migräne-Gen“ gibt
Man könnte denken, irgendwo im Erbgut liegt ein Schalter, der Migräne an- oder ausschaltet. So einfach ist es nicht. Bei den häufigen Migräneformen ist die Vererbung polygen, das heißt: Viele kleine Genvarianten tragen jeweils ein winziges Stück zum Risiko bei.
Eine große Auswertung aus dem Jahr 2016 hat dazu Daten von rund 35.000 Betroffenen zusammengeführt. Sie fand Genvarianten an 38 Stellen im Erbgut, die mit Migräne zusammenhängen. Viele davon liegen in Genen, die in Blutgefäßen und glatter Muskulatur aktiv sind. Was genau das für die Entstehung einer Attacke bedeutet, ist noch Gegenstand der Forschung.
Jede dieser Varianten ist für sich genommen harmlos und kommt auch bei Menschen ohne Migräne vor. Erst die Kombination vieler Varianten erhöht die Wahrscheinlichkeit, ein besonders empfindliches Nervensystem zu haben.
Ist Migräne mit Aura erblicher?
Ein Teil der Betroffenen erlebt vor oder während der Attacke eine Aura, zum Beispiel Flimmern, Zickzacklinien oder Gefühlsstörungen. Das betrifft laut DMKG etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen mit Migräne.
Ob Migräne mit Aura stärker erblich bedingt ist als Migräne ohne Aura, lässt sich auf Grundlage der hier genannten Quellen nicht sicher sagen. Das Bild ist noch lückenhaft, und hier ist vieles offen.
Wenn du mehr über Aura-Symptome wissen willst, hilft dir wieder unsere Übersicht Migräne-Diagnose weiter.
Der seltene Sonderfall: familiäre hemiplegische Migräne
Es gibt eine Form, bei der die Genetik viel klarer ist: die familiäre hemiplegische Migräne (FHM). Bei ihr kommt es während der Attacke zu vorübergehenden Lähmungserscheinungen auf einer Körperseite, zusätzlich zur Aura. Sie tritt in Familien gehäuft auf, und hier wurden einzelne verantwortliche Gene gefunden, unter anderem auf dem Chromosom 19.
Das Medizinisch Genetische Zentrum München erklärt, dass Veränderungen im Gen CACNA1A bei dieser Form eine wichtige Rolle spielen. Die FHM wird dominant vererbt, Kinder von Trägerinnen einer Veränderung haben ein Wiederholungsrisiko von 50 Prozent.
Das klingt nach viel, ist aber sehr selten. Der Neurowissenschaftler Markus Dahlem schreibt in einem Beitrag auf SciLogs, dass nur etwa 0,01 Prozent der Bevölkerung von dieser Form betroffen sind, während die häufige Migräne rund 12 Prozent der Menschen betrifft. Wenn du „normale“ Migräne hast, hat dein Fall mit diesem Sonderfall in aller Regel nichts zu tun. Bei Lähmungen, Sprachstörungen oder Verwirrtheit während einer Attacke gehört die Abklärung in ärztliche Hände.
Die Genetik erklärt nicht alles
Wenn nur die Hälfte der Unterschiede auf Gene zurückgeht, was ist mit dem Rest? Hier kommen Lebensumstände ins Spiel, die sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden. Die DGN und andere Fachgesellschaften sprechen von Auslösern, die bei jemandem mit entsprechender Veranlagung eine Attacke begünstigen können. Die Neurologen und Psychiater im Netz nennen unter anderem Schlafmangel, Stress, Ernährung, hormonelle Schwankungen und Wetterwechsel.
Auch gesundheitsinformation.de, das Portal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, nennt zu wenig oder schlechten Schlaf, unregelmäßige oder ausgelassene Mahlzeiten, Stress, aber auch Entspannung am Wochenende, Wetterwechsel und bei Frauen hormonelle Schwankungen im Zyklus. Dort steht außerdem, dass die genauen Ursachen nicht bekannt sind und eine erbliche Veranlagung eine Rolle spielen kann.
Das heißt für dich: Selbst wenn deine Gene eine Neigung mitgeben, entscheiden Auslöser und Alltag mit darüber, wie oft und wie stark die Attacken auftreten. Mehr dazu findest du auf der Seite Migräne-Auslöser.
Gibst du deine Migräne an deine Kinder weiter?
Das ist wahrscheinlich die Frage, die dich am meisten beschäftigt. Ehrlich gesagt: Es gibt kein sicheres Ja und kein sicheres Nein. Weil viele Gene und viele äußere Faktoren zusammenspielen, lässt sich für ein einzelnes Kind nicht vorhersagen, ob und wann es Migräne bekommt.
Was man sagen kann: Wenn in der Familie Migräne vorkommt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ein Kind betroffen ist, höher als im Durchschnitt. Das ist eine Tendenz, kein Urteil. Du kannst Migräne weitergeben, musst es aber nicht, und viele Kinder von Eltern mit Migräne bleiben verschont.
Zur Einordnung ein paar Zahlen aus deutschen Quellen:
- Laut DMKG haben etwa 4 bis 5 Prozent aller Kinder Migräneattacken. Bis zur Pubertät sind Jungen und Mädchen gleich häufig betroffen.
- Nach der Pubertät sind Frauen etwa dreimal häufiger betroffen als Männer, unter anderem wegen der hormonellen Schwankungen.
- In Deutschland haben nach den Angaben der DMKG etwa 10 von 100 Jugendlichen Migräne.
Auch wenn dein Kind Migräne entwickeln sollte, bist du nicht schlecht aufgestellt: Du kennst die Erkrankung von innen, weißt, wie sich Attacken anfühlen, und kannst dein Kind ernst nehmen. Bei Kopfschmerzen deines Kindes ist die Kinder- und Jugendärztin oder der Kinder- und Jugendarzt die richtige erste Anlaufstelle. Über Behandlungen entscheidet ihr gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt, Informationen findest du auch auf der Seite Migräne-Behandlung.
Migräne in der Familie: Was kannst du mit dieser Information anfangen?
Wissen über die eigene Familie ist kein Schicksal, aber es kann nützlich sein. Ein paar Ideen:
- Frag nach. Welche Verwandten haben Migräne oder starke Kopfschmerzen? Seit wann, mit Aura oder ohne? Manche Familien haben Migräne jahrzehntelang als „Kopfweh“ abgetan, ohne eine Diagnose.
- Beobachte deine Muster. Familiäre Veranlagung heißt nicht, dass bei dir dasselbe auslöst wie bei deiner Mutter. Auslöser sind individuell, deshalb lohnt sich ein eigenes Kopfschmerztagebuch.
- Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Das gilt für Fragen zur Familienplanung, zu Behandlungen oder zu ungewöhnlichen Symptomen wie Lähmungen. Ein Gentest ist bei der häufigen Migräne nicht vorgesehen und würde auch nichts Verlässliches über dein Risiko sagen. Bei Verdacht auf eine seltene familiäre Form kann eine humangenetische Beratung sinnvoll sein.
- Lass dich nicht verunsichern. Eine Veranlagung ist keine Schuld. Du hast dir deine Migräne nicht ausgesucht, und du „vererbst“ sie nicht aus Nachlässigkeit.
Ein ruhiges Kopfschmerztagebuch hilft dabei, Muster zu erkennen und Gespräche mit der Ärztin oder dem Arzt zu erleichtern. Das gilt für dich genauso wie später vielleicht für dein Kind.
Kurz gesagt
- Migräne ist erblich veranlagt. Erbe und Umwelt haben laut DMKG in etwa einen gleich starken Einfluss.
- Es gibt nicht das eine Migräne-Gen. Bei der häufigen Migräne wirken viele Genvarianten zusammen.
- Die familiäre hemiplegische Migräne ist eine seltene Sonderform mit klarer Vererbung und betrifft nur einen winzigen Teil der Betroffenen.
- Die Gene erklären nicht alles: Auslöser und Alltag spielen ebenfalls eine große Rolle.
- Ob dein Kind Migräne bekommt, lässt sich nicht vorhersagen. Ein höheres Risiko ist kein Schicksal.
Häufige Fragen
Ist Migräne erblich?
Ja, für Migräne besteht eine erbliche Veranlagung. Laut der DMKG haben Erbe und Umwelt aber in etwa einen gleich starken Einfluss, Gene sind also nur ein Teil der Erklärung.
Gibt es ein Migräne-Gen?
Bei der häufigen Migräne nicht: Viele kleine Genvarianten tragen jeweils ein winziges Stück zum Risiko bei. Eine Auswertung aus dem Jahr 2016 fand Genvarianten an 38 Stellen im Erbgut, die mit Migräne zusammenhängen.
Bekommen meine Kinder automatisch Migräne, wenn ich sie habe?
Nein. Wenn in der Familie Migräne vorkommt, ist die Wahrscheinlichkeit für ein Kind höher als im Durchschnitt, aber für ein einzelnes Kind lässt sich nicht vorhersagen, ob und wann es Migräne bekommt. Bei Kopfschmerzen deines Kindes ist die Kinder- und Jugendärztin oder der Kinder- und Jugendarzt die richtige Anlaufstelle.
Was ist familiäre hemiplegische Migräne?
Eine seltene Form mit vorübergehenden Lähmungserscheinungen auf einer Körperseite zusätzlich zur Aura. Sie wird dominant vererbt, und laut dem Medizinisch Genetischen Zentrum München liegt das Wiederholungsrisiko für Kinder von Trägerinnen einer Veränderung bei 50 Prozent.
Hilft ein Gentest bei der Frage nach meinem Risiko?
Bei der häufigen Migräne ist ein Gentest nicht vorgesehen und würde nichts Verlässliches über das persönliche Risiko sagen. Bei Verdacht auf eine seltene familiäre Form kann eine humangenetische Beratung sinnvoll sein, sprich dazu mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Quellen
- Ursachen & Auslöser von Migräne
- MIGRÄNE ©Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
- Migräneanfälle - Störungen der Hirn-, Rückenmarks- und Nervenfunktion - MSD Manual Ausgabe für Patienten
- 38 Gen-Loci liefern Hinweise zur Ursache der Migräne
- Familiäre hemiplegische Migräne Typ 1 (FHM1) - Medizinisch Genetisches Zentrum
- Migräne ist keine genetische Krankheit - SciLogs
- Migräne
- DMKG
Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel
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