
Migräne und Periode: Warum der Zyklus Attacken auslösen kann
Jeden Monat dasselbe: Ein oder zwei Tage vor deiner Periode wirst du empfindlich gegen Licht, dein Kopf pocht, und du weißt schon, was kommt. Oder die Migräne meldet sich erst am zweiten Tag der Blutung und fühlt sich schlimmer an als sonst. Dann ist die Frage naheliegend, ob das Zufall ist.
Meistens ist es kein Zufall. Migräne und Periode hängen zusammen, weil der Östrogenspiegel kurz vor der Blutung abfällt und das Gehirn darauf empfindlich reagieren kann. In diesem Artikel erfährst du, was dabei im Körper passiert, woran du erkennst, ob deine Attacken dem Zyklus folgen, und was du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen kannst. Wenn du dich allgemein mit Auslösern beschäftigst, findest du mehr im Bereich Migräne-Auslöser.
Kurz gesagt
- Frauen sind nach der Pubertät etwa dreimal so häufig von Migräne betroffen wie Männer, vor allem wegen hormoneller Schwankungen.
- Der Abfall des Östrogens vor der Periode gilt als wichtiger Auslöser; die Attacken treten meist zwischen zwei Tagen vor und zwei Tagen nach Beginn der Blutung auf.
- Attacken rund um die Periode sind oft länger und stärker, deshalb lohnt es sich, sie gezielt mit einem Kalender zu beobachten.
- Welche Behandlung oder Verhütung bei dir sinnvoll ist, entscheidest du gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, vor allem bei Migräne mit Aura.
Warum haben Frauen häufiger Migräne als Männer?
Frauen haben nach der Pubertät etwa dreimal häufiger Migräne als Männer. Laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) sind Jungen und Mädchen vor der Pubertät ungefähr gleich oft betroffen. Erst mit dem Einsetzen des Zyklus kippt das Verhältnis.
Das spricht stark dafür, dass die Geschlechtshormone eine Rolle spielen. Sie beeinflussen nach Angaben der DMKG auch, wie das Gehirn schmerzhafte Reize verarbeitet. Nach den Wechseljahren nähern sich die Zahlen wieder an: Dann sind Frauen laut DMKG nur noch etwa doppelt so oft betroffen wie Männer.
Das heißt nicht, dass Hormone die einzige Ursache sind. Auch die Veranlagung spielt mit, wie du in unserem Artikel Migräne erblich? nachlesen kannst. Hormone sind aber einer der wichtigsten Gründe, warum der Zyklus bei vielen Frauen mitredet.
Was ist menstruelle Migräne genau?
Menstruelle Migräne bedeutet, dass die Attacken in einem klaren zeitlichen Zusammenhang mit der Regelblutung auftreten. Nach der DMKG liegt dieses Zeitfenster meist zwischen zwei Tagen vor und zwei Tagen nach Beginn der Blutung.
Wie oft das vorkommt, hängt davon ab, wie genau man zählt. Die DMKG nennt etwa sieben Prozent aller Migränikerinnen mit menstrueller Migräne im engeren Sinn. Andere Quellen sprechen von 10 bis 14 Prozent aller Frauen mit einer menstruationsassoziierten Migräne, also von Attacken, die rund um die Periode gehäuft auftreten, aber nicht nur dann. Die genauen Zahlen unterscheiden sich, weil Studien die Begriffe unterschiedlich fassen.
Meist handelt es sich laut DMKG um Migräne ohne Aura, also ohne vorangehende Symptome wie Flimmern vor den Augen oder Taubheitsgefühle. Das ist nicht bei jeder Frau so, aber es ist das häufigere Muster.
Warum löst der Östrogenabfall die Attacke aus?
Die Attacke wird vermutlich nicht vom niedrigen Östrogen an sich ausgelöst, sondern vom schnellen Abfall davor. Die DMKG beschreibt den Abfall des Östrogens im Blut als einen Hauptauslöser hormonell bedingter Kopfschmerzen. Kurz vor der Periode sinken die Hormonspiegel stark, und genau dann häufen sich bei vielen Frauen die Attacken.
Ein wichtiger Baustein ist der Botenstoff CGRP, der an der Entstehung von Migräne beteiligt ist. Ein Team der Charité Berlin untersuchte 180 Frauen und fand heraus, dass Frauen mit Migräne während der Menstruation besonders viel CGRP bilden. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Neurology. Wie wissenschaft.de berichtet, zeigte sich bei Frauen, die die Pille nahmen oder in den Wechseljahren waren, keine solche Schwankung des CGRP.
Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Das ist eine Erklärung, die gut passt, aber nicht jedes Detail ist geklärt. Warum manche Frauen so deutlich auf den Hormonabfall reagieren und andere kaum, weiß man bisher nicht genau.
Warum sind diese Attacken oft schwerer auszuhalten?
Attacken rund um die Periode sind häufig länger und intensiver als andere. Das beschreibt die DMKG in ihrer Patienteninformation, und viele Betroffene kennen es aus eigener Erfahrung.
Dazu kommt, dass der Körper in dieser Zeit ohnehin gefordert ist: Krämpfe, Müdigkeit, schlechter Schlaf oder Stimmungsschwankungen können sich mit der Migräne mischen. Nach Angaben der DMKG machen die hormonell bedingten Veränderungen vor der Regelblutung Frauen außerdem empfindlicher gegenüber Stressfaktoren, die ebenfalls eine Attacke auslösen können.
Es kann also sein, dass der Zyklus nicht allein der Auslöser ist, sondern dass mehrere Dinge zusammenkommen. Wie Reize wie Bildschirme dabei mitspielen, erklären wir in Migräne und Bildschirm.
Wie erkenne ich, ob meine Migräne dem Zyklus folgt?
Du erkennst es am zuverlässigsten, wenn du mehrere Monate lang aufschreibst, wann Attacken auftreten und wann deine Periode beginnt. Aus der Erinnerung ist das schwer, weil man sich vor allem an die schlimmsten Tage erinnert und andere Auslöser leicht vergisst.
Die DMKG empfiehlt, einen Kopfschmerzkalender zu führen. Darin hältst du fest, wie oft die Attacken kommen, wie stark sie sind, welche Medikamente du genommen hast und welche Begleitumstände es gab. So lassen sich Muster und persönliche Auslöser leichter erkennen.
Für den Zyklus hilft es, diese Punkte zu notieren:
- Der erste Tag deiner Blutung in jedem Monat.
- Der Beginn, die Dauer und die Stärke jeder Attacke.
- Ob eine Aura dabei war.
- Welche Medikamente du genommen hast und ob sie geholfen haben.
- Schlaf, Stress und andere mögliche Auslöser in diesen Tagen.
Wenn über drei Zyklen hinweg die Attacken wiederholt in dasselbe Zeitfenster fallen, ist das ein guter Anhaltspunkt für ein Gespräch in der Praxis. Eine Diagnose stellt aber nur dein Arzt oder deine Ärztin, nicht ein Kalender und auch nicht dieser Artikel.
Gibt es weitere hormonelle Phasen mit mehr Risiko?
Ja, auch Schwangerschaft, Wochenbett und Wechseljahre können die Migräne verändern, weil sich dann ebenfalls die Hormonspiegel stark verschieben. Bei vielen Frauen wird die Migräne in der Schwangerschaft, wenn der Östrogenspiegel stabiler ist, vorübergehend besser. Bei Migräne mit Aura ist das nicht immer so, manchmal bleibt sie gleich oder verschlechtert sich sogar.
Nach der Geburt fällt der Östrogenspiegel schnell ab, deshalb kehren die Attacken bei manchen Frauen in den ersten Wochen zurück. In der Schwangerschaft und Stillzeit ist die Auswahl an Medikamenten laut DMKG eingeschränkt, weil Schwangere meist nicht in Arzneimittelstudien eingeschlossen werden. Die DMKG rät, zuerst alle nicht medikamentösen Maßnahmen auszuschöpfen, und nennt Paracetamol als das Schmerzmittel, das in der Schwangerschaft weiterhin als am sichersten gilt. Sprich solche Fragen immer mit deiner Ärztin ab.
In der Perimenopause, also in den Jahren vor der letzten Blutung, können Häufigkeit und Stärke der Attacken zunächst zunehmen, weil das Östrogen stark auf und ab schwankt. Danach werden die Attacken bei vielen Frauen seltener. Auch das ist ein Durchschnittsbild, kein Versprechen: Jede Frau erlebt es anders.
Auch in der Jugend spielt der Zyklus oft schon eine Rolle. Mehr dazu findest du im Ratgeber Migräne bei Kindern und Jugendlichen.
Beeinflusst die Pille die Migräne?
Die Pille kann die Migräne verändern, in beide Richtungen, und bei Migräne mit Aura ist die Wahl des Verhütungsmittels besonders wichtig. Bei manchen Frauen werden die Attacken mit der Pille regelmäßiger oder seltener, bei anderen schlimmer. Das lässt sich nicht vorhersagen.
Deshalb solltest du die Wahl des Verhütungsmittels bei Migräne mit Aura ärztlich besprechen und dabei auch weitere Faktoren wie Rauchen nennen. Allgemeine Informationen zu den Verhütungsmethoden findest du auf gesundheitsinformation.de.
Setze die Pille nie auf eigene Faust ab und beginne keine neue, ohne vorher mit deiner Frauenärztin oder deinem Hausarzt zu sprechen. Sag dabei unbedingt, ob du Aura-Symptome hast.
Was kann ich bei menstrueller Migräne tun?
Du kannst Muster erkennen, Auslöser reduzieren und mit deiner Ärztin über eine passende Behandlung sprechen. Eine Heilung gibt es nicht, aber es gibt Wege, die Attacken besser zu managen.
Was du selbst tun kannst
Regelmäßiger Schlaf, feste Mahlzeiten und ein ruhiger Umgang mit Stress sind Basics, die gerade in den Tagen vor der Periode helfen können. Plane in dieser Zeit bewusst weniger Termine, wenn es dir möglich ist. Und halte deine Notfallroutine bereit: ein dunkler Raum, Wasser, und das, was dir deine Ärztin empfohlen hat.
Was dein Arzt oder deine Ärztin besprechen kann
Laut DGN-Leitlinie gelten Triptane auch bei menstrueller Migräne als Mittel der ersten Wahl für die Akutbehandlung. Triptane sind spezielle Migränemedikamente, die verschreibungspflichtig sind. Zusätzlich kann eine kurzzeitige Vorbeugung in den kritischen Tagen rund um die Periode erwogen werden.
Welche Option für dich passt, hängt von deiner Migräneform, anderen Erkrankungen und deiner Verhütung ab. Das ist eine ärztliche Entscheidung, keine Frage für das Internet. Mehr zu Behandlungen findest du im Bereich Migräne-Behandlung.
Gut zu wissen: Ein Kalender mit klaren Daten macht dieses Gespräch deutlich einfacher. Statt zu sagen, dass es irgendwie vor der Periode schlimmer ist, kannst du zeigen, wie oft und wie stark.
Dein Zyklus ist nicht deine Schuld, aber du kannst ihn kennenlernen
Wenn deine Migräne und deine Periode zusammenhängen, hast du nichts falsch gemacht. Es ist ein hormonelles Muster, das viele Frauen betrifft und das sich nicht einfach abstellen lässt.
Du kannst aber vieles verstehen: wann die Attacken kommen, wie stark sie sind und was sie zusätzlich begünstigt. Dieses Wissen nimmt dem Ganzen etwas von seinem Schrecken, weil du dich nicht mehr überrumpelt fühlst. Und es gibt dir eine gute Grundlage für das Gespräch mit deiner Ärztin.
Ein praktischer Anfang: Schreibe in den nächsten drei Monaten jeden ersten Tag deiner Periode und jede Attacke auf. Danach schaust du, ob sich ein Muster zeigt.
Häufige Fragen
Warum bekomme ich vor der Periode Migräne?
Der Östrogenspiegel fällt kurz vor der Regelblutung stark ab, und dieser Abfall gilt laut DMKG als einer der Hauptauslöser hormonell bedingter Kopfschmerzen. Bei Frauen mit Migräne scheint das Gehirn auf diese Schwankung besonders empfindlich zu reagieren. Nicht jede Frau ist davon betroffen.
Wie lange vor oder nach der Periode kann die Migräne auftreten?
Typisch ist ein Zeitfenster von etwa zwei Tagen vor bis zwei Tage nach Beginn der Blutung, so die DMKG. Ob dein Muster genauso aussieht, siehst du am besten in einem Kalender über mehrere Zyklen.
Kann ich die Pille nehmen, wenn ich Migräne habe?
Das hängt von deiner Migräneform und deinen übrigen Risikofaktoren ab. Bei Migräne mit Aura ist die Wahl des Verhütungsmittels besonders wichtig. Entscheide daher immer gemeinsam mit deiner Frauenärztin oder deinem Arzt.
Wird die Migräne in den Wechseljahren besser?
Oft ja, aber nicht sofort. In der Perimenopause können die Attacken zunächst häufiger und stärker werden, danach lassen sie bei vielen Frauen nach. Laut DMKG sind Frauen nach der Menopause nur noch etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Wann sollte ich wegen meiner Migräne zum Arzt?
Wenn die Attacken dein Leben regelmäßig einschränken, wenn du häufig Schmerzmittel brauchst oder wenn neue oder ungewöhnliche Symptome auftreten, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Bei plötzlichen Lähmungen, Sprachstörungen oder einem noch nie erlebten, extrem heftigen Kopfschmerz zögere nicht und hole sofort medizinische Hilfe.
Quellen
- DEUTSCHE MIGRÄNE- UND KOPFSCHMERZ- GESELLSCHAFT MIGRÄNE UND HORMONE
- Warum Migräne häufig während der Menstruation auftritt: Charité
- Wie der Menstruationszyklus Migräne beeinflusst - wissenschaft.de
- Bessere Versorgung von Migränepatientinnen in Schwangerschaft und Stillzeit
- DMKG
- Pille & Co.: Hormonelle Verhütung
- Migräne während der Periode?
- Migräne > Hormonschwankungen bei Frauen - betanet
- Östrogen, Migräne & Wechseljahre: Symptome erkennen, Schmerzen lindern
Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel
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