
Pille und Migräne: Was die Studien zeigen und wann du mit deiner Ärztin sprechen solltest
Du nimmst die Pille und fragst dich, ob die Kopfschmerzen damit zusammenhängen. Oder dein Arzt hat dir gesagt, dass du bei Migräne mit Aura besser keine Pille mit Östrogen nehmen solltest, und du weißt nicht so recht, warum. Beim Thema Pille und Migräne gibt es klare Vorsichtsregeln, aber auch viele offene Fragen.
In diesem Artikel erfährst du, was Studien und Fachgesellschaften sagen, wie Hormone deine Attacken beeinflussen können und warum die Aura eine besondere Rolle spielt. Am Ende findest du Fragen, die du in der Praxis stellen kannst. Eine persönliche Empfehlung kann und will dieser Text nicht geben: Ob und welche Pille für dich passt, klärst du mit deiner Frauenärztin oder deinem Neurologen. Mehr zu den Grundlagen der Vorbeugung findest du in unserem Überblick Migräne-Auslöser.
Kurz gesagt
- Ob die Pille Migräne verbessert oder verschlechtert, ist laut der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) unklar: Manche Frauen berichten von mehr, andere von weniger Attacken.
- Bei Migräne mit Aura sollen Pillen mit Östrogen und Gestagen nicht genommen werden, weil das Schlaganfallrisiko steigen kann (MSD Manual).
- Reine Gestagenpillen gelten laut DMKG auch bei Aura als mögliche Option.
- Bei Migräne ohne Aura ist eine Pille für viele Frauen möglich, sollte aber ärztlich abgestimmt werden.
Kann die Pille Migräne auslösen oder verschlimmern?
Die ehrliche Antwort lautet: Bei manchen Frauen ja, bei anderen nein, und bei einigen werden die Attacken sogar seltener. Die DMKG schreibt, dass es unklar ist, ob eine hormonelle Verhütung die Migräne positiv oder negativ beeinflusst. Einige Untersuchungen zeigen eine Verschlechterung, andere eine Verbesserung, und die Wirkung ist von Frau zu Frau sehr verschieden.
Das heißt für dich: Dein eigener Verlauf zählt mehr als jede Durchschnittszahl. Wenn sich deine Attacken nach dem Start oder dem Wechsel einer Pille verändern, lohnt es sich, das genau festzuhalten und anzusprechen.
Die DMKG empfiehlt betroffenen Frauen, unter fachärztlicher Anleitung zu prüfen, welchen Einfluss die Einnahme oder das Absetzen der Pille auf die Kopfschmerzen hat. Du solltest also nichts auf eigene Faust verändern, sondern das gemeinsam mit einer Ärztin planen.
Warum beeinflussen Hormone deine Migräne?
Der wichtigste Mechanismus ist der Abfall des Hormons Östrogen: Laut DMKG ist der Abfall des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen im Blut die Ursache hormonell bedingter Kopfschmerzen. Deshalb treten viele Attacken kurz vor oder während der Periode auf, wenn der Östrogenspiegel sinkt. Nach der Pubertät leiden Frauen etwa dreimal häufiger an Migräne als Männer, auch das hängt mit dem Auf und Ab der Geschlechtshormone zusammen.
Bei der Pille gibt es einen ähnlichen Effekt. In der Einnahmepause einer klassischen Kombinationspille fallen die Hormone ebenfalls ab, und es kommt zur Abbruchblutung. Manche Frauen bekommen genau in dieser Woche ihre Attacken.
Dazu passt ein Hinweis der DMKG: Es gibt empirische Hinweise, dass die durchgehende Einnahme oraler Kontrazeptiva zu weniger menstruellen Migräneattacken führen kann. Wie gut das im Einzelfall klappt und für wen es sinnvoll ist, entscheidet die Ärztin mit dir.
Wenn du verstehen willst, wie der Zyklus allgemein mit Attacken zusammenhängt, lies unseren Artikel Migräne und Periode. Für die Form, die ausschließlich rund um die Blutung auftritt, gibt es einen eigenen Beitrag zur menstruellen Migräne.
Pille und Migräne mit Aura: Warum diese Vorsicht?
Bei Migräne mit Aura gilt: Kombinierte Pillen mit Östrogen und Gestagen sollen nicht genommen werden. Das MSD Manual nennt Migräne mit Aura ausdrücklich als Grund, keine Antibabypille mit Östrogen und Gestagen zu nehmen. Die DMKG sieht das genauso: Frauen mit Aura sollten Gestagene zur Verhütung verwenden.
Der Hintergrund ist das Schlaganfallrisiko. Laut MSD Manual können Östrogen enthaltende Verhütungsmittel bei Frauen mit Aura Migräneanfälle verschlimmern und das Risiko für Schlaganfälle erhöhen. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) formuliert es laut Apotheke adhoc so: Migräne mit Aura erhöht das Risiko für einen ischämischen Hirninfarkt (eine Durchblutungsstörung im Gehirn), und hormonelle Kontrazeptiva können dieses Risiko weiter erhöhen.
Die Vorsicht ist eine Vorbeugung, kein Grund zur Panik. Ob bei dir zusätzliche Risikofaktoren eine Rolle spielen, klärst du am besten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Falls du nicht sicher bist, ob du eine Aura hast: Typisch sind Sehstörungen wie Flimmern, Zickzacklinien oder Ausfälle im Gesichtsfeld, aber auch Kribbeln oder Sprachprobleme vor dem Kopfschmerz. Wie sie sich anfühlen, erklärt unser Artikel Migräne mit Aura. Wenn du unter der Pille erstmals eine Aura bemerkst, besprich das zeitnah mit deiner Ärztin, denn nach der DGGG-Leitlinie soll die kombinierte Pille in diesem Fall beendet werden.
Und bei Migräne ohne Aura?
Bei Migräne ohne Aura ist eine Verhütung mit der Pille für viele Frauen möglich. Die DMKG stellt in einer Stellungnahme klar, dass für viele Betroffene mit Migräne ohne Aura eine Verhütung durch orale Kontrazeptiva möglich ist, weil das Schlaganfallrisiko bei ihnen im Allgemeinen nicht erhöht ist.
Das ist allerdings keine Freikarte. Auch hier spielen andere Faktoren eine Rolle: Rauchen, Bluthochdruck, Thrombosen in der Familie oder Übergewicht verändern die Abwägung. Das MSD Manual nennt als Beispiel, dass niedrig dosierte Kombinationspräparate bei gesunden Nichtraucherinnen mit normalem Blutdruck das Schlaganfallrisiko nicht zu erhöhen scheinen. Die Aussage gilt also für eine bestimmte Gruppe, nicht für alle.
Wie sich eine Migräne ohne Aura anfühlt und wie du sie von der Form mit Aura unterscheidest, steht in unserem Artikel zu Migräne ohne Aura.
Welche Alternativen gibt es, wenn die Kombipille nicht passt?
Die DMKG nennt reine Gestagenpillen als Option: Pillen, die nur ein Gestagen enthalten, können von Frauen mit Migräne mit Aura eingenommen werden. Auch das MSD Manual hält fest, dass Frauen mit Aura keine Östrogen-Gestagen-Kombination nehmen sollten, Gestagenpräparate aber infrage kommen können.
Zu den gestagenhaltigen Methoden gehören neben der Minipille auch andere Formen wie die Hormonspirale. Einen Überblick über hormonelle Verhütungsmethoden findest du bei gesundheitsinformation.de. Welche Methode zu deiner Lebenssituation, deinem Migräneverlauf und deinen übrigen Risikofaktoren passt, ist eine Frage für die Praxis.
Gut zu wissen: Auch eine Minipille kann den Verlauf verändern. Die Wirkung ist wie bei der kombinierten Pille individuell, und nicht jede Frau verträgt jedes Präparat gleich gut. Ein Wechsel ist deshalb oft ein Ausprobieren unter ärztlicher Begleitung.
Nicht hormonelle Methoden wie die Kupferspirale oder Kondome spielen für die Migräne hormonell keine Rolle. Ob sie für dich in Frage kommen, hängt von deinen eigenen Wünschen und deiner Gesundheit ab.
Was noch unsicher ist
Vieles beim Thema Pille und Migräne ist nicht abschließend geklärt. Die wichtigsten offenen Punkte:
- Der Einfluss auf die Häufigkeit der Attacken: Die DMKG fasst die Studienlage so zusammen, dass Verschlechterung und Verbesserung beschrieben werden. Eine allgemeine Regel gibt es nicht.
- Der Nutzen des Langzyklus: Die durchgehende Einnahme zeigt laut DMKG empirische Hinweise auf weniger menstruelle Attacken. Das ist eine Beobachtung aus der Praxis und kein Garant für jede Frau.
- Das genaue Risiko im Einzelfall: Das Risiko hängt von Aura, Alter, Rauchen, Blutdruck und weiteren Faktoren ab. Eine pauschale Aussage ist deshalb nicht möglich.
Auch deine Auslöser sind nicht nur hormonell. Stress, Schlaf, Ernährung und Wetter spielen mit. Wie du sie systematisch findest, erfährst du in Migräne Auslöser erkennen.
Wann du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt sprechen solltest und welche Fragen du stellen kannst
Sprich mit der Praxis, sobald sich dein Migräneverlauf nach Beginn oder Wechsel einer Pille verändert oder wenn du eine Aura bemerkst. Auch wenn du neu mit der Pille anfangen willst und Migräne hast, gehört das Thema in das Gespräch. Das gilt ebenso, wenn du vor dem Absetzen stehst: Auch das sollte begleitet erfolgen, wie es die DMKG für das Testen von Einnahme und Absetzen beschreibt.
Mögliche Ansprechpersonen sind deine Frauenärztin, dein Hausarzt oder eine Neurologin. Am hilfreichsten ist oft, wenn beide Seiten voneinander wissen.
Fragen, die du mitnehmen kannst
- Habe ich nach deiner Einschätzung eine Migräne mit Aura oder ohne?
- Welche Verhütungsmethoden kommen bei mir infrage, und welche eher nicht?
- Spielen meine anderen Risikofaktoren (Rauchen, Blutdruck, Familiengeschichte) eine Rolle?
- Könnte eine Pille ohne Östrogen oder eine andere gestagenhaltige Methode sinnvoll sein?
- Wäre eine durchgehende Einnahme ohne Pause ein Thema, und was spricht dafür oder dagegen?
- Woran merke ich, dass sich meine Migräne durch die Pille verändert hat, und wann soll ich mich melden?
Mit Daten zum Termin kommen
Konkrete Angaben machen das Gespräch viel einfacher: An welchen Tagen treten Attacken auf, wie stark sind sie, gibt es eine Aura, welche Pille nimmst du seit wann? Ein Kalender über zwei bis drei Zyklen zeigt Muster, die du aus dem Gedächtnis kaum rekonstruieren kannst.
Das Wichtigste in der Praxis
Die Pille kann bei Migräne ein Thema sein, ist aber kein automatisches Problem. Bei Migräne mit Aura sind Kombinationspillen mit Östrogen nicht vorgesehen, bei Migräne ohne Aura ist die Abwägung offener. Ob die Pille deine Attacken besser oder schlechter macht, kann niemand pauschal sagen, aber du kannst es mit Aufzeichnungen sichtbar machen.
Lass deine Fragen nicht unausgesprochen: Eine gute Beratung kennt deine Aura, deine Risikofaktoren und deinen Zyklus. Du musst nichts auf eigene Faust ändern, und du musst auch nicht auf alles sofort eine Antwort haben.
Häufige Fragen
Kann die Pille Migräne auslösen?
Bei manchen Frauen können sich Attacken unter der Pille häufen, bei anderen werden sie seltener. Die DMKG sagt, dass die Wirkung der hormonellen Verhütung auf die Migräne unklar und individuell verschieden ist. Am besten dokumentierst du Veränderungen und besprichst sie mit deiner Ärztin.
Darf ich die Pille nehmen, wenn ich Migräne mit Aura habe?
Kombinierte Pillen mit Östrogen und Gestagen sollen bei Migräne mit Aura laut MSD Manual nicht genommen werden. Reine Gestagenpillen sind nach Angaben der DMKG eine mögliche Alternative. Welche Methode zu dir passt, entscheidet deine Ärztin mit dir.
Ist die Minipille bei Migräne besser?
Für Frauen mit Aura gilt sie als mögliche Option, weil sie kein Östrogen enthält. Ob sie deine Attacken verbessert, verschlechtert oder nicht verändert, ist individuell. Auch hier gehört die Entscheidung in ärztliche Hände.
Kann ich in der Pillenpause Migräne bekommen?
Das ist möglich, weil die Hormone in dieser Zeit abfallen und die DMKG den Östrogenabfall als Ursache hormonell bedingter Kopfschmerzen beschreibt. Bei manchen Frauen kann die durchgehende Einnahme helfen, das zeigen empirische Hinweise. Ob das für dich passt, klärst du mit deiner Ärztin.
Quellen
- DEUTSCHE MIGRÄNE- UND KOPFSCHMERZ- GESELLSCHAFT MIGRÄNE UND HORMONE
- Hormonelle Methoden der Empfängnisverhütung - Frauengesundheit - MSD Manual Ausgabe für Patienten
- Orale Kontrazeptiva - Gynäkologie und Geburtshilfe - MSD Manual Profi-Ausgabe
- Pille & Co.: Hormonelle Verhütung
- migraene mit aura kombipille tabu
- Kein erhöhtes Risiko für Infarkte
Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel
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