
Migräne gefährlich? Was die Studien über die Risiken sagen
Du liegst mit pochendem Kopf im abgedunkelten Zimmer und fragst dich irgendwann: Ist das eigentlich noch normal? Oder du hast im Internet gelesen, dass Migräne mit Schlaganfall zu tun haben soll, und seitdem geht dir das nicht mehr aus dem Kopf. Die Frage „Ist Migräne gefährlich?" ist völlig verständlich.
Die kurze Antwort: Eine Migräneattacke selbst ist in der Regel nicht gefährlich, auch wenn sie sich schlimm anfühlt. Es gibt aber einige Zusammenhänge, die die Forschung beschreibt, vor allem bei der Migräne mit Aura. In diesem Artikel schauen wir ruhig und ohne Panik darauf, was Studien zeigen, was noch unklar ist und bei welchen Zeichen du schnell zum Arzt solltest. Wenn du dich grundsätzlich fragst, wie Ärztinnen und Ärzte Migräne von anderen Kopfschmerzen abgrenzen, findest du das im Überblick zur Migräne-Diagnose.
Kurz gesagt
- Eine Migräneattacke ist für die meisten Menschen unangenehm und belastend, aber nicht lebensgefährlich.
- Bei Migräne mit Aura ist das Schlaganfallrisiko in Studien leicht erhöht, bei Migräne ohne Aura ist ein solcher Zusammenhang nicht eindeutig belegt.
- Für ein erhöhtes Demenzrisiko durch Migräne fand eine große US-Studie keine Hinweise.
- Plötzlich einsetzende Ausfälle wie Lähmung, Sprachstörung oder der „schlimmste Kopfschmerz deines Lebens" gehören sofort in ärztliche Hände (Notruf 112).
Ist Migräne gefährlich? Die kurze Antwort
Migräne gilt als primäre Kopfschmerzerkrankung, das heißt: Der Kopfschmerz ist die Krankheit selbst und nicht das Zeichen einer anderen Erkrankung. Die Attacke ist ein Ausnahmezustand im Nervensystem, der von selbst wieder abklingt. Wie das im Gehirn abläuft, erklärt der Artikel Migräne Ursachen: Was in deinem Gehirn wirklich passiert.
Trotzdem ist die Migräne nicht „nur Kopfweh". Sie schränkt den Alltag oft stark ein, und die Forschung hat in den letzten Jahren genauer untersucht, ob Menschen mit Migräne langfristig bestimmte Risiken tragen.
Wichtig für die Einordnung: Ein „erhöhtes Risiko" in einer Studie bedeutet nicht, dass es dich trifft. Es beschreibt, wie sich Gruppen von Menschen im Durchschnitt unterscheiden. Das einzelne Risiko bleibt bei jungen Frauen insgesamt gering, wie die Fachgesellschaften betonen.
Migräne ohne Aura: Was sagen die Studien?
Bei der Migräne ohne Aura ist ein erhöhtes Schlaganfallrisiko in Studien nicht eindeutig belegt. In einer Auswertung mehrerer Studien lag das relative Risiko für Menschen ohne Aura bei 1,23, verfehlte aber das statistische Signifikanzniveau. Das bedeutet: Der Unterschied zur Vergleichsgruppe war zu klein oder zu unsicher, um ihn sicher von Zufall zu trennen. Das berichtet das Deutsche Ärzteblatt.
Wenn du also Migräne ohne Aura hast (das ist die häufigste Form), ist das eher eine beruhigende Nachricht. Mehr zu den typischen Merkmalen findest du in Migräne ohne Aura: Symptome, Dauer und Unterschiede zur Migräne mit Aura.
Ganz „nichts" ist es aber auch nicht: Die Datenlage ist weniger klar als bei der Aura, und einzelne Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Gesundheitliche Gewohnheiten wie Rauchen, Bluthochdruck oder zu wenig Bewegung zählen unabhängig von der Migräne.
Migräne mit Aura: Was man über das Schlaganfallrisiko weiß
Bei Migräne mit Aura ist das Schlaganfallrisiko in Studien leicht erhöht. Eine Aura sind vorübergehende neurologische Symptome vor oder während der Attacke, zum Beispiel Flimmern vor den Augen, Kribbeln oder Sprachprobleme. Wie das aussieht, beschreibt Migräne mit Aura: Die Anzeichen vor der Attacke verstehen.
Bei Frauen mit Aura ist das Risiko laut einer PTAheute-Meldung 2,1-fach erhöht, bei Männern 1,4-fach. Solche Verhältniszahlen klingen größer, als sie im Alltag sind. Wenn ein sehr kleines Risiko verdoppelt wird, bleibt es immer noch klein.
Was noch unklar ist
Die Studien zeigen einen Zusammenhang, aber nicht automatisch eine Ursache. Warum Aura und Gefäßrisiko zusammenhängen, ist noch nicht abschließend geklärt. Auch ist offen, wie stark Häufigkeit und Schwere der Attacken eine Rolle spielen. Die Fachgesellschaften sprechen deshalb von einem „leicht erhöhten" Risiko und nicht von einer Vorhersage.
Pille, Rauchen, Blutdruck: Die Faktoren, die wirklich zählen
Rauchen, Bluthochdruck und die Pille sind Faktoren, die du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen kannst, besonders wenn du Migräne mit Aura hast.
Der Teil, den du selbst beeinflussen kannst, ist am deutlichsten beim Rauchen. Laut DMKG-Informationsblatt zu Migräne und Hormonen haben Migräne-Patientinnen unter 40 Jahren, die hormonelle Verhütungsmittel nehmen und rauchen, ein leicht erhöhtes Risiko für Thrombose oder Schlaganfall. Um das Risiko zu senken, sollten Migränikerinnen vor allem nicht rauchen. Dort steht auch, dass kombinierte Pillen das Schlaganfallrisiko ähnlich wie eine Migräne mit Aura erhöhen.
Ob und welche Verhütung für dich passt, ist eine persönliche Entscheidung mit deiner Frauenärztin oder deinem Frauenarzt. Setze eine Pille nie auf eigene Faust ab. Hintergründe findest du in Pille und Migräne: Was die Studien zeigen.
Schädigt Migräne das Gehirn?
Nach aktuellem Stand führt Migräne nicht zu Demenz.
Zur Demenz gibt es eine beruhigende Studie: Eine US-Untersuchung beobachtete knapp 1.400 Menschen mit Migräne im Schnitt über 21 Jahre und fand keinen statistischen Zusammenhang mit Demenz. Details dazu nennt PTAheute.
Offen bleibt, ob Alter bei Beginn, Häufigkeit oder Schwere der Attacken einen Unterschied machen. Andere Studien kommen teils zu anderen Ergebnissen. Solange nicht jede Frage beantwortet ist, gilt: Es gibt keinen Grund zur Sorge um dein Gehirn, nur weil du Migräne hast.
Wenn du zusätzlich sehr oft Kopfschmerzen hast, kann Jeden Tag Kopfschmerzen: Mögliche Ursachen und was dahintersteckt weiterhelfen.
Aura oder Schlaganfall: So unterscheidest du sie
Eine Aura entwickelt sich langsam über Minuten, ein Schlaganfall setzt abrupt ein. Genau diesen zeitlichen Unterschied nennen Neurologen und Psychiater im Netz: Aura-Symptome nehmen allmählich zu, klingen langsam ab und bilden sich meist innerhalb einer Stunde vollständig zurück. Typisch für einen Schlaganfall sind dagegen plötzlich einsetzende Taubheit, Schwäche oder Lähmung, plötzliche Sprachstörung oder Gleichgewichtsstörungen.
Typische Aura-Symptome sind:
- Sehstörungen auf einer Seite des Gesichtsfelds, zum Beispiel Flimmern oder Zickzacklinien (mehr dazu: Lichtblitze im Auge)
- Kribbeln oder Taubheit an Gesicht, Hand oder Bein einer Seite, das langsam wandert
- Sprachprobleme, die sich zurückbilden
Als Warnzeichen nennen dieselben Fachleute: Treten neue neurologische Symptome auf, die du von deinen Auren nicht kennst, oder kommen Seh-, Gefühls- oder Sprachstörungen gleichzeitig mit dem Kopfschmerz statt davor, sollte auch an einen Schlaganfall gedacht werden.
Wenn du unsicher bist, ob es Aura oder etwas anderes ist, ist der Notruf 112 die richtige Wahl. Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig. Eine Aura ohne Kopfschmerz ist übrigens möglich und meist harmlos, mehr dazu in Stille Migräne: Wenn die Aura ohne Kopfschmerzen kommt.
Diese Zeichen solltest du schnell ärztlich abklären lassen
Einige Warnzeichen passen nicht zu einer typischen Migräne und gehören sofort in ärztliche Hände. Laut MSD Manual und der DMKG sind das vor allem:
- Kopfschmerzen, die schlagartig einsetzen und innerhalb von Sekunden bis wenigen Minuten ihr Maximum erreichen („Donnerschlagkopfschmerz")
- Kopfschmerzen zusammen mit Fieber und steifem Nacken, manchmal mit Verwirrung
- Lähmungen, Gefühls- oder Sehstörungen, Sprachstörungen oder Koordinationsprobleme, die nicht vorübergehen
- Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle oder eine plötzliche Wesensveränderung
Werden Kopfschmerzen von Fieber und Nackensteifigkeit begleitet, kann nach dem MSD Manual eine Hirnhautentzündung vorliegen. Bei Lähmungen, Sprech- oder Bewusstseinsstörungen soll eine Klinik aufgesucht werden. Ausführlich erklärt das Kopfschmerzen: Wann zum Notarzt und wann kannst du abwarten?.
Das sind keine Gründe, bei jeder Attacke zu erschrecken. Es sind Hinweise für Ausnahmefälle, die anders sind als das, was du von deiner Migräne kennst.
Wann du ohne Eile zum Arzt gehen kannst
Es gibt auch Situationen, die keinen Notfall bedeuten, aber einen Termin wert sind. Dazu gehören:
- Deine Attacken werden häufiger oder stärker, oder das Muster ändert sich.
- Du bist wegen der Migräne regelmäßig im Alltag eingeschränkt.
- Du hast neu eine Aura bekommen, die du vorher nicht kannst.
- Du hast Fragen zu Pille oder Verhütung, zu Rauchen oder zu anderen Gefäßrisiken.
- Du nimmst sehr oft Schmerzmittel und machst dir Sorgen.
Die erste Anlaufstelle ist meist die Hausarztpraxis, wer dann zuständig ist, erfährst du in Migräne: Welcher Arzt ist zuständig und wie bereitest du deinen Termin vor?. Ein ordentlich geführter Kalender hilft dir dabei, der Ärztin ein klares Bild zu zeigen, wie in Migränekalender: Was du notieren solltest beschrieben.
In der Praxis: dich beruhigen, ohne etwas zu übersehen
Das Wichtigste in Kürze: Die meisten Migräneattacken sind unangenehm, aber nicht gefährlich. Das erhöhte Schlaganfallrisiko betrifft vor allem die Migräne mit Aura, und es ist im Einzelfall klein. Wie sich Migräne in Zahlen zeigt, erfährst du in Migräne Statistik: Was die Zahlen aus Studien zeigen.
Drei Dinge helfen dir ganz praktisch:
- Kenne dein „normal": Wenn du weißt, wie deine Attacken und Auren sonst ablaufen, erkennst du Abweichungen schneller.
- Kümmere dich um die Faktoren, die du beeinflussen kannst: vor allem Rauchen, Blutdruck und regelmäßige Kontrollen, besonders bei Aura.
- Bei plötzlichen, ungewohnten Ausfällen: 112. Du musst nicht erst sicher sein.
Wenn du dir unsicher bist, ob deine Beschwerden eine Migräne sind, hilft auch Migräne oder Kopfschmerzen: Was ist der Unterschied?. Und für alle Fragen zu deiner persönlichen Situation, zu Medikamenten oder zur Verhütung gilt: Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose.
Häufige Fragen
Kann man an einer Migräne sterben?
Eine Migräneattacke selbst ist in der Regel nicht lebensbedrohlich. Seltene Komplikationen wie ein migräneassoziierter Schlaganfall sind beschrieben, aber bei jungen Menschen sehr unwahrscheinlich. Plötzliche, ungewohnte Ausfälle solltest du trotzdem immer sofort abklären lassen.
Erhöht Migräne das Schlaganfallrisiko wirklich?
Für die Migräne mit Aura zeigen Studien ein erhöhtes Risiko: Laut PTAheute ist es bei Frauen 2,1-fach, bei Männern 1,4-fach erhöht. Bei Migräne ohne Aura war der Unterschied in einer Auswertung nicht statistisch signifikant. Das absolute Risiko bleibt bei jungen Frauen gering.
Kann Migräne dem Gehirn schaden oder Demenz auslösen?
Eine große US-Studie mit knapp 1.400 Betroffenen fand über durchschnittlich 21 Jahre keinen Zusammenhang mit Demenz. Manche Fragen, etwa zum Einfluss von Häufigkeit und Schwere der Attacken, sind noch offen.
Woran erkenne ich, dass es kein Migräne-Aura, sondern ein Schlaganfall ist?
Ein Schlaganfall beginnt typischerweise plötzlich, etwa mit Lähmung, Taubheit oder Sprachstörung. Eine Aura entwickelt sich dagegen langsam über Minuten und klingt meist innerhalb einer Stunde ab. Bist du unsicher, wähle den Notruf 112.
Quellen
- migraene entwarnung beim demenzrisiko
- Migräne mit Aura: Bei ungewöhnlichen Symptomen an Schlaganfall denken: Neurologen und Psychiater im Netz
- DEUTSCHE MIGRÄNE- UND KOPFSCHMERZ- GESELLSCHAFT MIGRÄNE UND HORMONE
- DEUTSCHE MIGRÄNE- UND KOPFSCHMERZ- GESELLSCHAFT Kopfschmerzen:
- Überblick über Kopfschmerzen - Störungen der Hirn-, Rückenmarks- und Nervenfunktion - MSD Manual Ausgabe für Patienten
- Migräne als Herz-Kreislauf-Risiko
Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel
Ähnliche Artikel
Kopfschmerzen: Wann zum Notarzt und wann kannst du abwarten?
Kopfschmerzen wann zum Notarzt? Ruhig erklärt: Welche Warnzeichen schnelle ärztliche Hilfe brauchen und wann du bei Migräne in Ruhe abwarten kannst.
Migräne oder Kopfschmerzen: Was ist der Unterschied?
Migräne oder Kopfschmerzen? So erkennst du den Unterschied zu Spannungskopfschmerz: Schmerz, Dauer, Begleitsymptome und wann ein Arztbesuch sinnvoll ist.
Jeden Tag Kopfschmerzen: Mögliche Ursachen und was dahintersteckt
Jeden Tag Kopfschmerzen? Das sind mögliche Ursachen, wie Schmerzmittel das Problem verstärken können und wann du zur Ärztin oder zum Arzt gehen solltest.




