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Frau mit geschlossenen Augen stützt die Hand an die Schläfe, neben einem Glas Rotwein und einer Flasche
Auslöser

Migräne Alkohol: Warum manche Gläser eine Attacke auslösen

Von Laurine Nicoletti9 min

Du stößt abends mit Freundinnen an, ein Glas Wein, vielleicht zwei. Und später beginnt dieses vertraute Pochen hinter dem Auge. Oder der Kopfschmerz kommt erst am nächsten Morgen, und du fragst dich, ob es der Kater ist oder doch eine Migräne. Genau dann taucht die Frage auf, wie Migräne und Alkohol zusammenhängen.

Beim Thema Migräne und Alkohol gibt es viele feste Überzeugungen, aber weniger klare Antworten, als man denkt. In diesem Artikel schauen wir, was Studien tatsächlich zeigen, was eher ein Mythos ist und wie du herausfindest, wie dein eigener Körper reagiert. Alkohol ist dabei nur einer von vielen möglichen Migräne-Auslösern, und oft spielt er nicht allein.

Kurz gesagt

  • Alkohol ist für viele Menschen mit Migräne ein möglicher Auslöser, aber längst nicht für alle: In einer niederländischen Studie nannten 35,6 Prozent der Befragten Alkohol als Trigger.
  • Rotwein steht am häufigsten unter Verdacht, doch ein Verdacht ist noch kein Beweis.
  • Oft kommen mehrere Faktoren zusammen: Alkohol, Flüssigkeitsmangel, schlechter Schlaf, Stress oder dein Zyklus.
  • Mit einem einfachen Notiz-Experiment kannst du über einige Wochen prüfen, ob und wie Alkohol bei dir eine Rolle spielt.

Ist Alkohol für alle ein Migräne-Auslöser?

Nein, Alkohol ist nur für einen Teil der Menschen mit Migräne ein Auslöser. In einer niederländischen Studie mit 2.197 Migräne-Patientinnen und -Patienten gaben 35,6 Prozent an, dass Alkohol bei ihnen eine Attacke auslösen kann. Das heißt auch: Für knapp zwei Drittel spielt er keine erkennbare Rolle.

Das ist eine wichtige Botschaft für dich: Wenn du nach einem Abend mit Alkohol Migräne bekommst, muss nicht der Alkohol allein schuld sein. Vielleicht war der Abend auch spät, stressig oder hast du kaum etwas gegessen.

Ist Rotwein wirklich der Hauptverdächtige?

Rotwein wird am häufigsten genannt. In der erwähnten Studie nannten 77,8 Prozent der Alkohol trinkenden Teilnehmenden Rotwein als vermuteten Auslöser. Ein vermuteter Auslöser ist aber nicht automatisch ein tatsächlicher.

Es bleibt also eine offene Frage, ob Rotwein wirklich besonders schlimm ist oder ob er einfach am häufigsten getrunken und am schnellsten beschuldigt wird.

Was steckt im Rotwein, das verdächtig ist?

Für den Rotwein gibt es einige Hypothesen, aber keine endgültige Antwort.

Eine neuere Hypothese betrifft den Pflanzenstoff Quercetin aus roten Trauben. Forschende der University of California fanden, dass er das Enzym ALDH2 hemmt, das beim Abbau von Alkohol hilft, sodass sich Acetaldehyd im Blut anreichern könnte. Wichtig: Das stammt aus Labor- und Tierversuchen. Die Forschenden wollen den Zusammenhang erst noch in einer klinischen Studie mit Menschen prüfen, bewiesen ist er also nicht.

Warum kann schon ein Glas eine Attacke auslösen?

Wahrscheinlich gibt es nicht den einen Grund, sondern mehrere Mechanismen, die sich überlagern können. Was die Forschung dazu sagt, ist teils gut belegt, teils noch Hypothese.

Zur Einordnung: Wie genau ein Kater entsteht, ist nicht abschließend geklärt. Und ob die Mechanismen bei einer Migräne-Attacke dieselben sind wie beim Kater, ist ebenfalls offen.

Ein Kater-Kopfschmerz und eine Migräne-Attacke können sich ähnlich anfühlen, sind aber nicht dasselbe. Wenn dein Kopfschmerz einseitig pocht, mit Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit kommt, lohnt sich ein Blick auf die Unterschiede zwischen Migräne und anderen Kopfschmerzen.

Schlechter Schlaf: der stille Komplize

Alkohol kann den Schlaf stören, und gestörter Schlaf ist selbst ein bekannter Migräne-Auslöser. Das macht es schwer zu unterscheiden, was am Ende die Attacke ausgelöst hat.

Ein Schlummertrunk lässt dich oft schneller einschlafen. Doch Studien deuten darauf hin, dass schon ein Getränk vor dem Zubettgehen den REM-Schlaf verkürzt.

Dazu kommt: Feiern heißt oft später ins Bett, weniger Schlaf und ein veränderter Rhythmus. Die DMKG nennt veränderte Schlaf-Wach-Rhythmen ausdrücklich als möglichen Trigger. Warum Schlaf und Kopfschmerz am Morgen zusammenhängen können, erklären wir in Migräne am Morgen.

Auch das Wochenende kann hier eine Rolle spielen: Mehr Alkohol, anderer Rhythmus, Ausschlafen. Mehr dazu findest du in Migräne am Wochenende.

Alkohol und Migräne: Was Mythos ist und was nicht

Viele Faustregeln halten einer genaueren Prüfung nicht stand. Hier die häufigsten, mit einer ehrlichen Einordnung.

„Rotwein ist schuld, Weißwein ist harmlos“

Das lässt sich so nicht sagen. Die Studie zeigte, dass Rotwein am häufigsten genannt wird, aber die Zeit bis zur Attacke war unabhängig von der Art des Getränks. Manche Menschen reagieren auf Rotwein, andere auf Bier, Sekt oder Spirituosen.

„Es liegt immer am Alkohol“

Auch das ist zu einfach. Neben Alkohol können weitere Faktoren eine Rolle spielen, etwa Stress, Schlafveränderungen oder hormonelle Schwankungen. Ein Glas Wein kann an einem entspannten Tag harmlos sein und nach einer stressigen Woche das Fass zum Überlaufen bringen. Mehr dazu in Stress und Migräne.

„Wenn ich es merke, bleibt es immer so“

Nicht unbedingt. Auslöser wirken bei vielen nicht jedes Mal gleich, auch dein Zyklus kann die Empfindlichkeit verändern. Wie das zusammenhängt, liest du in Migräne und Periode.

„Es gibt die eine Migräne-Diät“

Die DMKG sagt klar, dass es keine einzelne Migräne-Diät gibt und individuelle Auslöser stark variieren. Einen Überblick über andere Lebensmittel findest du in Migräne Ernährung.

Wie testest du deine eigene Reaktion auf Alkohol?

Am zuverlässigsten findest du es mit einem Notizbuch heraus, nicht mit Vermutungen. Das ist keine medizinische Behandlung, sondern eine Art Beobachtungsprojekt, das dir und deiner Ärztin oder deinem Arzt später hilft. Die Grundidee ist die gleiche wie beim Auslöser erkennen.

  1. Notiere über einige Wochen alles. Halte fest, wann du was getrunken hast, wie viel, und was du dazu gegessen hast. Notiere auch jede Attacke mit Beginn, Stärke und Dauer. Hilfreiche Hinweise gibt dir der Artikel Migränekalender: Was du notieren solltest.
  2. Schreibe die Begleitumstände dazu. Wie hast du geschlafen? Wie war dein Stress? Wo bist du im Zyklus? Hast du genug Wasser getrunken? So erkennst du, ob Alkohol allein auffällt oder nur zusammen mit anderen Faktoren.
  3. Achte auf den Zeitabstand. Kam der Kopfschmerz nach wenigen Stunden oder erst am nächsten Morgen? Die erwähnte Studie zeigt, dass alkoholbedingte Attacken oft recht schnell nach dem Konsum auftreten.
  4. Vergleiche ähnliche Situationen. Ein Glas an einem ruhigen Abend nach gutem Schlaf ist etwas anderes als zwei Gläser nach einer kurzen Nacht. Ein einzelner Abend sagt wenig, erst mehrere Vergleiche zeigen ein Muster.
  5. Nimm dir Zeit. Ein einzelner Zufall beweist nichts. Erst wenn sich ein Muster über mehrere Wochen wiederholt, kannst du etwas daraus ableiten.

Wenn du bemerkst, dass Alkohol bei dir klar mit Attacken zusammenhängt, ist das keine Strafe, sondern eine nützliche Information. Ob und wie du darauf reagierst, entscheidest du. Bei Unsicherheit hilft ein Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.

Alkohol und Gesundheit: Was gilt allgemein?

Unabhängig von der Migräne sagt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) deutlich, dass es keinen völlig risikofreien Alkoholkonsum gibt. Für die körperliche Gesundheit sei es am besten, ganz auf Alkohol zu verzichten.

Das ist keine Mahnung, sondern ein Rahmen. Wenn du Alkohol trinkst, kannst du bewusst entscheiden, wie viel, wann und in welcher Situation. Wenn du bei dir merkst, dass Alkohol Migräne begünstigt, ist weniger oder gar nichts oft eine ganz pragmatische Entscheidung.

Wann solltest du mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen?

Sprich mit einer Fachperson, wenn deine Attacken häufiger werden, sich verändern oder dich im Alltag einschränken. Das gilt auch, wenn du nach Alkohol regelmäßig starke Kopfschmerzen bekommst und unsicher bist, was dahintersteckt. Welche Fachrichtung zuständig ist und wie du den Termin vorbereitest, steht in Migräne: Welcher Arzt ist zuständig?.

Bei plötzlichen, extrem heftigen Kopfschmerzen oder neuen Symptomen wie Lähmungen oder Sprachstörungen solltest du nicht abwarten. Wann das der Fall ist, erklärt Kopfschmerzen: Wann zum Notarzt.

Dein Migränekalender ist dabei ein echter Gewinn: Mit notierten Attacken und Begleitumständen kann dein Arzt oder deine Ärztin viel besser einschätzen, was bei dir los ist.

Das Wichtigste zu Migräne und Alkohol

  • Alkohol ist ein möglicher, aber kein universeller Auslöser: Etwa jede dritte Person mit Migräne nennt ihn in einer niederländischen Studie.
  • Rotwein wird oft verdächtigt, doch ein Verdacht ist kein Beweis. Erklärungsansätze wie Quercetin stammen bisher aus Labor und Tierversuchen.
  • Dehydrierung, Acetaldehyd und gestörter Schlaf können eine Rolle spielen, möglicherweise im Zusammenspiel mit anderen Triggern.
  • Dein persönliches Muster findest du am besten mit Notizen über mehrere Wochen heraus, nicht mit Faustregeln.
  • Bei Unsicherheit oder zunehmenden Attacken gehört das Thema in ärztliche Hände.

Häufige Fragen

Kann schon ein Glas Wein eine Migräne auslösen?

Bei manchen Menschen ja, aber nicht bei allen und nicht jedes Mal. In der niederländischen Studie nannten 35,6 Prozent der Befragten Alkohol als möglichen Auslöser, für die übrigen spielte er keine erkennbare Rolle. Ob es bei dir so ist, siehst du am besten in deinen eigenen Aufzeichnungen.

Wie schnell kommt die Migräne nach dem Alkohol?

In einer niederländischen Studie trat die Attacke bei einem Drittel der Betroffenen im Schnitt innerhalb von drei Stunden auf, bei fast 90 Prozent innerhalb von zehn Stunden. Es kann aber auch ein verzögerter, katerartiger Kopfschmerz am nächsten Morgen sein. Die zeitliche Einordnung hilft dir, beides in deinen Notizen zu unterscheiden.

Ist Weißwein oder Bier besser verträglich als Rotwein?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Die Studie zeigte, dass die Zeit bis zur Attacke unabhängig von der Getränkeart war, und Rotwein wurde vor allem am häufigsten vermutet. Manche Menschen reagieren auf andere Getränke stärker als auf Rotwein, deshalb lohnt es sich, jedes Getränk einzeln zu notieren.

Ist ein Kater dasselbe wie eine Migräne?

Nein, aber sie können sich ähnlich anfühlen. Wie ein Kater genau entsteht, ist nicht endgültig geklärt, Dehydrierung und Acetaldehyd gelten als beteiligt. Wenn deine Kopfschmerzen pochend und einseitig sind und mit Übelkeit oder Licht- und Lärmempfindlichkeit einhergehen, spricht das eher für eine Migräne.

Sollte ich als Migränepatientin ganz auf Alkohol verzichten?

Das ist eine persönliche Entscheidung, die du mit deiner Ärztin oder deinem Arzt besprechen kannst. Die DHS empfiehlt für die körperliche Gesundheit generell, möglichst wenig oder keinen Alkohol zu trinken. Ob Alkohol bei dir ein Migräne-Auslöser ist, zeigt am zuverlässigsten ein Tagebuch über mehrere Wochen.

Quellen

Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel

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