
Botox bei Migräne: Das PREEMPT-Schema bei chronischer Migräne erklärt
Du hast an mehr als der Hälfte der Tage im Monat Kopfschmerzen. Du hast schon mehrere Tabletten zur Vorbeugung probiert, und entweder haben sie nicht gewirkt oder du hast sie nicht vertragen. Dann hat dir jemand von Botox bei Migräne erzählt und du fragst dich, ob das eine echte Option ist oder nur ein Gerücht aus dem Internet.
Kurz gesagt: Ja, Botox ist eine zugelassene Behandlung, aber nur für chronische Migräne, und sie wirkt im Durchschnitt eher bescheiden als spektakulär. Die Injektionen folgen einem festen Muster, dem PREEMPT-Schema. In diesem Artikel erklären wir, was das ist, für wen es infrage kommt, was die Studien zeigen und wie du mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen darüber sprechen kannst. Weitere Themen rund um Behandlung findest du auf unserer Seite Migräne-Behandlung.
Kurz gesagt
- Botox ist in Deutschland nur zur Vorbeugung der chronischen Migräne zugelassen, also bei Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat.
- Beim PREEMPT-Schema wird nach einem festen Muster an Stirn, Schläfen, Hinterkopf, Nacken und Schultern gespritzt, meist etwa alle drei Monate.
- Laut Cochrane sinkt die Zahl der Migränetage im Schnitt um etwa zwei pro Monat, manche profitieren mehr, andere kaum.
- Ob Botox für dich passt, klärst du mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen.
Was ist Botox eigentlich, und was hat es mit Migräne zu tun?
„Botox" ist der bekannteste Handelsname für Botulinumtoxin Typ A, einen Wirkstoff, der in sehr kleinen, kontrollierten Mengen Nervensignale an den Muskeln blockiert. Viele kennen ihn aus der Schönheitsmedizin. In der Neurologie wird er schon lange bei Muskelverspannungen und Krampfzuständen eingesetzt.
Bei Migräne geht es nicht um Faltenglättung und nicht in erster Linie um Muskelentspannung. Botulinumtoxin A kann die Ausschüttung von Botenstoffen hemmen, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sind, darunter Glutamat, Substanz P und CGRP. Ganz genau verstanden ist der Mechanismus aber nicht, und das solltest du ehrlicherweise wissen.
Wichtig: Botox ist eine vorbeugende Behandlung. Es soll die Zahl der Kopfschmerz- und Migränetage senken, nicht einen akuten Anfall stoppen.
Was bedeutet PREEMPT?
PREEMPT ist der Name der beiden großen Zulassungsstudien, PREEMPT 1 und 2. In ihnen wurden Menschen mit chronischer Migräne alle zwölf Wochen an festgelegten Punkten in mehreren Kopf- und Nackenmuskelgruppen behandelt.
Dieses Muster hat sich als Standard durchgesetzt. Die Injektionen setzen an Stirn, Schläfen, Hinterkopf, Nacken und Schultern an. Das Schema ist bewusst fest vorgegeben, damit die Behandlung vergleichbar bleibt und sich die Ergebnisse aus den Studien auf die Praxis übertragen lassen.
Die Menge, die im Einzelfall gespritzt wird, legt die Ärztin oder der Arzt fest. Dazu gibt es hier bewusst keine Zahlen, denn das gehört in die Hand der behandelnden Praxis.
Für wen kommt Botox bei Migräne infrage?
Botox ist in Deutschland zur Vorbeugung der chronischen Migräne zugelassen. Von chronischer Migräne spricht man, wenn Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat auftreten, meist mit typischen Migränemerkmalen. Das ist deutlich seltener als die episodische Migräne, bei der die Anfälle an weniger Tagen auftreten.
In der Praxis kommt zu der Diagnose meist eine zweite Bedingung hinzu: Vorher sollten mehrere Versuche mit einer vorbeugenden Tablettenbehandlung nicht geholfen haben oder nicht vertragen worden sein. Das ist keine Strafe, sondern die übliche Reihenfolge der Behandlungsschritte.
Bei der episodischen Migräne, also weniger als 15 Kopfschmerztagen im Monat, bringt Botox nach heutigem Stand nichts. gesundheitsinformation.de hält fest: Bei episodischen Kopfschmerzen verringert Botox die Kopfschmerztage nicht stärker als ein Scheinmedikament.
Ob die Behandlung für dich passt, klärt ein Arzttermin. Sie sollte von Neurologinnen und Neurologen mit Erfahrung in der Behandlung chronischer Kopfschmerzen durchgeführt werden. Mit einer Myasthenia gravis, einer Muskelschwäche-Erkrankung, ist die Behandlung nicht möglich.
Wie gut wirkt Botox wirklich?
Hier lohnt sich ein ehrlicher Blick. Die Cochrane-Übersichtsarbeit hat 28 Studien mit insgesamt 4.190 Teilnehmenden ausgewertet. Bei chronischer Migräne hatten die Behandelten im Schnitt zwei Migränetage pro Monat weniger als die Gruppe mit Scheinbehandlung. Ob das für den Alltag spürbar genug ist, lässt sich laut Cochrane nicht eindeutig sagen.
Auch gesundheitsinformation.de beschreibt es so: Die Zahl der Migränetage sank im Schnitt um etwa 2 Tage, von 13 auf 11 pro Monat. Das Deutsche Ärzteblatt bezeichnete die Wirkung in einer Meta-Analyse als begrenzt, mit klarem Vorteil nur bei häufigen Attacken.
Das sind Durchschnittswerte. Manche Menschen profitieren deutlich mehr, andere gar nicht. Ob die Behandlung bei dir erfolgreich war, solltest du gemeinsam mit deiner Ärztin oder deinem Arzt anhand der Veränderung deiner Migränetage beurteilen.
Heilen kann Botox die Migräne nicht. Es kann die Zahl der schlimmen Tage senken, und für manche ist das ein spürbarer Unterschied.
Wie läuft eine Behandlung ab?
Der Ablauf ist in der Regel gleich, auch wenn sich Praxen im Detail unterscheiden:
- Vorgespräch: Du besprichst deine Vorgeschichte, bisherige Behandlungen und Erwartungen. Oft bittest man dich, vorher ein Kopfschmerztagebuch zu führen.
- Injektionen: Mit sehr dünnen Nadeln wird das Mittel nach dem PREEMPT-Schema an den festgelegten Stellen in Stirn, Schläfen, Nacken und Schultern gespritzt. Das fühlt sich meist wie viele kleine Stiche an.
- Danach: Du kannst in der Regel direkt wieder nach Hause. Der Effekt zeigt sich nicht sofort, sondern baut sich über einige Zeit auf.
- Wiederholung: Die Behandlung wird in der Regel in Abständen von etwa drei Monaten wiederholt. Nach den ersten Behandlungen wird gemeinsam geprüft, ob es sich für dich lohnt, weiterzumachen.
Gerade dieser letzte Punkt ist wichtig. Ein einzelner Termin sagt wenig, erst die Auswertung über mehrere Monate zeigt, ob du profitierst.
Welche Nebenwirkungen kann Botox haben?
Die Nebenwirkungen in den Zulassungsstudien waren überwiegend leicht. Am häufigsten waren Nackenschmerzen und Muskelschwäche. Auch ein hängendes Augenlid ist möglich, ebenso Schluckbeschwerden, wobei Letztere seltener sind. Das Cochrane-Team kam zum Schluss, dass die Behandlung nicht viele Nebenwirkungen verursachte.
Die Effekte klingen laut Medizin transparent wieder ab, sobald die Wirkung des Mittels nachlässt. Trotzdem können sie im Alltag lästig sein. Sprich mit der behandelnden Praxis über alles, was dir nach einer Injektion auffällt, vor allem wenn es dich beunruhigt.
Botox oder CGRP-Antikörper: Was passt zu mir?
Neben Botox gibt es für die Vorbeugung die CGRP-Antikörper. Botox ist dagegen nur bei chronischer Migräne untersucht und wirksam.
Welche Option für dich besser ist, hängt von vielen Dingen ab: deiner bisherigen Behandlung, möglichen Begleiterkrankungen, deinen Vorlieben und davon, was deine Krankenkasse unter welchen Bedingungen übernimmt. Das ist eine Entscheidung, die du mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen triffst, nicht allein und nicht aus einem Blogartikel.
Wenn du mehr über die Hintergründe von Migräne wissen möchtest, findest du auf unserer Seite Migräne-Symptome eine gute Übersicht. Und falls du dich fragst, ob deine Anfälle in der Familie liegen, hilft dir unser Artikel Migräne erblich? weiter.
Wer bezahlt die Behandlung?
In Deutschland werden Kosten für Botox bei chronischer Migräne in der Regel dann von der gesetzlichen Krankenkasse getragen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind: gesicherte Diagnose, vorherige Prophylaxeversuche und eine Behandlung durch eine geeignete Praxis. Die Details unterscheiden sich je nach Praxis und Krankenkasse. Frag deshalb vor dem ersten Termin in der Praxis nach, wie die Abrechnung läuft, und bei Unsicherheit direkt bei deiner Krankenkasse.
Wichtig ist, dass du Unterlagen bereithast, die zeigen, wie oft du Beschwerden hast und was du schon ausprobiert hast. Genau hier hilft dir eine saubere Dokumentation.
Warum ein Kopfschmerztagebuch bei Botox so wichtig ist
Ob Botox bei dir wirkt, erkennst du nicht an einem Bauchgefühl, sondern an Zahlen: Wie viele Kopfschmerz- und Migränetage hattest du vorher, und wie viele danach? Das lässt sich nur prüfen, wenn du vor der Behandlung eine Ausgangslage hast.
Hilfreich ist es, wenn du dokumentierst:
- an welchen Tagen Kopfschmerzen oder Migräne auftraten,
- wie stark sie waren und wie lange sie dauerten,
- welche Akutmittel du genommen hast und wie oft,
- was möglicherweise ein Auslöser war, etwa Stress, Schlafmangel oder Bildschirmzeit (mehr dazu in unserem Artikel Migräne und Bildschirm).
Mit einer solchen Übersicht kannst du in der Sprechstunde konkret zeigen, wie sich die Lage verändert hat. Das macht das Gespräch über Weiterbehandlung oder Alternativen deutlich leichter.
Das Wichtigste in Kürze
- Botox ist in Deutschland für chronische Migräne zugelassen, also bei Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat.
- Das PREEMPT-Schema legt fest, an welchen Stellen von Stirn bis Schulter gespritzt wird, meist im Abstand von etwa drei Monaten.
- Im Schnitt sinkt die Zahl der Migränetage um etwa zwei pro Monat. Manche profitieren mehr, andere kaum.
- Nebenwirkungen sind meist leicht und vorübergehend, zum Beispiel Nackenschmerzen oder Muskelschwäche.
- Ob Botox, ein CGRP-Antikörper oder eine andere Prophylaxe für dich passt, entscheidest du gemeinsam mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen.
Häufige Fragen
Für wen ist Botox bei Migräne zugelassen?
Botox ist in Deutschland zur Vorbeugung der chronischen Migräne zugelassen, also bei Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat. In der Praxis sollten vorher meist mehrere vorbeugende Tabletten nicht geholfen haben oder nicht vertragen worden sein. Bei episodischer Migräne verringert Botox die Kopfschmerztage laut gesundheitsinformation.de nicht stärker als ein Scheinmedikament.
Was bedeutet das PREEMPT-Schema?
PREEMPT ist der Name der beiden großen Zulassungsstudien zu Botox bei chronischer Migräne. Das Schema legt fest, an welchen Stellen in Stirn, Schläfen, Hinterkopf, Nacken und Schultern gespritzt wird, meist im Abstand von etwa drei Monaten. Die Menge legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest.
Wie gut wirkt Botox bei chronischer Migräne?
In einer Cochrane-Übersichtsarbeit mit 28 Studien hatten Behandelte im Schnitt zwei Migränetage pro Monat weniger als die Gruppe mit Scheinbehandlung. Das sind Durchschnittswerte: Manche Menschen profitieren deutlich mehr, andere gar nicht. Heilen kann Botox die Migräne nicht.
Welche Nebenwirkungen kann Botox haben?
Am häufigsten waren in den Studien Nackenschmerzen und Muskelschwäche, auch ein hängendes Augenlid ist möglich. Laut Medizin transparent klingen die Effekte wieder ab, sobald die Wirkung des Mittels nachlässt. Sprich mit der behandelnden Praxis über alles, was dir nach einer Injektion auffällt.
Quellen
- Migränevorbeugung für Erwachsene
- Direkt zum Inhalt
- Chronische Migräne: Metaanalyse bestätigt (begrenzte) Wirksamkeit von „Botox“-Injektionen
- Botox gegen Migräne: hilfreich, aber nur ein wenig
- [aerzteblatt.de](https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/100263/Chronische-Migraene-Metaanalyse-bestaetigt-(begrenzte)
Geschrieben von Laurine Nicoletti, Gründerin von Mellow, die seit ihrem 21. Lebensjahr mit Migräne lebt. Mehr erfahren · So schreiben wir unsere Artikel
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